"Ist die Zeit reif für eine Renaissance der Dörfer?"

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Der Run auf die Metropolen hat zu einer absurden Schieflage geführt. Das Leben in der Großstadt gilt als hip, wird aber für immer mehr Menschen unbezahlbar. Unterdessen verfallen auf dem Land die Häuser. Leerstand und Abwanderung verdüstern so manches Ortsbild. Wer hier eine Immobilie verkaufen will, merkt mit Schrecken, dass die Nachfrage mau ist. Was vor zwanzig Jahren nach einer sicheren Altersversorgung aussah, zeigt sich nun als unverkäuflich. Die Schere zwischen Stadt und Land hat sich in den vergangenen Jahren rasant geöffnet. Volkswirtschaftlich eine groteske Schieflage, die nicht nur sozial, sondern auch im Hinblick auf die Baukultur zu schweren Verwerfungen führt.

 

Hohe Immobilienpreise in vielen Ballungsräumen blähen die Renditeerwartungen auf, die Renditeerwartungen treiben die Mieten, und die Mieten die Immobilienpreise. Angestachelt wird diese Dynamik von einer Finanzpresse, die ganz auf das Herdenverhalten setzt: “Wo sich der Kauf noch lohnt” (Handelsblatt-online) “Die neuen Top-Städte. Hier verdienen Sie mit Immobilien noch richtig Geld” (Focus) lauten Schlagzeilen, die den Trend zu perpetuieren versuchen. Doch verläuft die wirtschaftliche Entwicklung nicht stets zyklisch? Ist die Zeit reif für eine Rückkehr aufs Land?

 

Verstädterung war zwangsläufig zur Zeit der Industrialisierung. Im 20. Jahrhundert schlug mit steigendem Wohlstand das Pendel zurück: Es folgte eine Welle der Suburbanisierung. Jetzt, im Zeitalter der Digitalisierung und absehbarer Vollbeschäftigung (in Deutschland) aber ist geballtes Siedeln obsolet. Untersuchungen zeigen, dass in Ballungsräumen die Quote psychischer Erkrankungen und die Wahrscheinlichkeit von Überschuldung signifikant höher ist als auf dem Land. Und sprechen Trends wie der des Urban Gardening nicht von einer Sehnsucht nach Natur und Ursprünglichkeit?

 

Werden jene, die es sich leisten können, dem Schwitzkasten Stadt den Rücken kehren? Werden sie die bessere Lebensqualität auf dem Land den Belastungen der Ballungsräume vorziehen? Ist die Zeit reif für eine Renaissance der Dörfer?

 

 

Diese Debatte ist initiiert und gastkuratiert von Katrin Vetters. Die freie Journalistin und Autorin ist spezialisiert auf die Themenfelder Bauen, Immobilien und Energie. Sie ist überwiegend für den Südwestrundfunk tätig.




 

Lorenz Brugger / 7.7.2014 / 17:18

Nein ...

interessante Studie zu den Netzwerken von Menschen in der Stadt und auf dem Land. Es sieht nicht gut aus fürs Landhttp://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/stadt-land-vergleich-staedter-knuepfen-die-groesseren-netzwerke-a-979645.html
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Christian Schmid / 19.4.2014 / 1:12

Fotograf

Jein ...

Alles über einen Kamm?Die Diskussion ist zwar schon ein wenig alt, aber mich überrascht, daß "das Dorf" so pauschal gesehen wird. Wie man z.B. einer Bertelsmann-Studie entnehmen kann ist die ländliche Struktur sowohl ökonomisch als auch sozial sehr heterogen. Das deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Während in den Einzugsgebieten von Ballungszentren und inftrastrukturell gut erschlossenen Bereichen die Bevölkerungszahl stabil ist oder steigt nimmt sie in anderen Lagen auf breiter Front ab. z.B. Rückbau und soziale Erosion sind die Folge.Welches Dorf ist nun gemeint? Das, was gemeinhin (und evtl.auch ein bisschen sozialromantisch) als Dorf existierte ist heute weitgehend passé. Hier wird eine Schere aufgehen, von der ich sage: ja, das Dorf wird wieder kommen. Aber nur manchen Orten.
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Katrin Vetters / 11.3.2014 / 14:56

Journalistin

Jein ...

Resümee der Debatte: Keiner derer, die sich hier geäußert haben, ist der Ansicht, dass eine Renaissance der Dörfer unmittelbar bevorsteht. Dennoch erscheint sie den meisten wünschenswert. Dies wird teils mit "weichen" Argumenten, teils mit "harten" Fakten begründet."Von dicht besiedelten Räumen träumen manche Architekten - während vermutlich viel mehr Menschen, solche, die sich nicht als smart urban people bezeichnen, davon albträumen", schrieb der Architekturkritiker Gerhard Matzig vor einem Jahr in der Süddeutschen Zeitung.Der eine oder andere (in dieser Debatte namentlich Gerhard Henkel und Albert Dietz) hat daraus seine Konsequenz gezogen und lebt auf dem Land - und zwar gern. Von zwei Diskutanten, die mit einem klaren "Nein" antworten, hätte der eine, Ante Ljubas, "dem visionären Aspekt gern ein Ja gegeben". Lorenz Brugger, der zweite bekennende Dorfskeptiker, sieht weder für die Dörfer noch für die Metropolen die besten Zukunftschancen, sondern für die "mittelgroßen Städte und ihre Einzugsgebiete".Sabine Eva Rädisch und Oliver Langbein können sich zu einem uneingeschränkten "Ja" für die Dörfer nicht durchringen, unter anderem, weil sie ein angemessenes Transportangebot, vor allem des öffentlichen (Nah-)Verkehrs vermissen. Monika M. Rösler mahnt größere Ehrlichkeit in der Bewertung von privatem Immobilienbesitz an, denn sie sieht den zunehmenden Leerstand als wachsende volkswirtschaftliche Bedrohung, nicht nur, aber vor allem auf dem Land.Jan Esche fordert eine hochwertige Baukultur auf dem Land und verbindet im übrigen mit dem Thema Dorf die Erinnerung an nervtötende Sonntagsausflüge. Florian Budke nimmt in seinem persönlichen Umfeld, seiner saarländischen Heimat, starke Verbundenheit auch der Jüngeren mit ihren Dörfen wahr. Vieles spricht für eine bessere, d.h. gleichmäßigere Verteilung der Bevölkerung auf die bestehenden Siedlungsflächen. Was also könnte eine Renaissance der Dörfer befördern? Die Forderungen aus dieser Debatte: Die Dörfer müssen attraktiver werden - finanziell (das fordert Ante Ljubas), sozial (Monika M. Rösler) und kulturell (Lorenz Brugger).Einig sind sich alle darin, dass eine idealisierte Dorfidylle à la Landlust nicht erstrebenswert ist.Vielen Dank allen, die sich an der Debatte beteiligt haben! 
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Lorenz Brugger / 4.3.2014 / 11:50

Nein ...

Eine erst gestern abend geführte Diskussion mit 2 Freunden, die beide vom Land kommen, brachte folgendes zutage: 1. Wir wollen die Möglichkeiten und Vorteile der Stadt, wie zB kurze Wege, kulturelle Angebote, die Atmosphäre vom Zusammenleben vieler verschiedener Menschen und Kulturen nicht missen. Aber ein sehr viel wichtigerer Punkt war die FREIE WAHL MEHRERER SOZIALER UMFELDER, soweit dies möglich ist. D.h. wir haben in der Stadt die Möglichkeit zu wählen, ob wir einem Verein beitreten oder nicht oder ob wir unsere Freundschaften und sozialen Kontakte auf gänzlich andere Art und Weise pflegen (in Kneipen, im Theater, beim Sport, im Cafe, usw.). Wir haben viele verschiedene soziale Kontakte, die auf unterschiedliche Art und Weise gelebt und gepflegt werden, das heisst wir leben ein ausdifferenziertes Sozialleben.Das Leben auf dem Dorf hingegen bietet oft nur eine Art des Soziallebens: die des Stammtisches, des einzigen Sportvereins (meist Fussballvereins), der Musikkapelle, alle sind überall dabei, es ist also ein einziges soziales Umfeld. Die Einwohner des Dorfes haben keine Wahl, wenn sie soziale Anknüpfungspunkte wollen: man muss sich das Hobby der anderen zulegen, damit ein soziales Umfeld überhaupt entsteht. Wer sich diesem System nicht fügt, wird sehr schnell zum Außenseiter. In einer kleinen Gemeinschaft ist das mit einer sozialen Isolierung gleichzusetzen. 2. Die Bereitschaft aufs Land zu ziehen, versuchen viele über Geld zu erhöhen bzw. zu erzwingen. Architekten sind ja bekanntlicherweise nicht gerade die bestbezahltesten Dienstleister. Aber es ist gemeinhin bekannt, dass die Löhne für Arbeitsstellen auf dem Land um einiges höher liegen, als in der Stadt. Im Schwarzwald z.B. suchen Architekten händeringend nach Leuten und bieten dabei sehr hohe Gehälter an (im Vergleich zu Stuttgart Stadt). Wir 3 sagten sofort ohne Augenzwinkern: auch wenn der Lohn tatsächlich um einiges höher ist, wären wir nicht bereit, aufs Land zu ziehen. Unsere Ansprüche kann man nicht mit Geld aufwiegen.   Es ist also für meine Generation (Jahrgang 1983) gar keine Frage mehr, ob das Land überhaupt eine Chance hat. Es geht um viel Grundsätzlicheres; um Möglichkeiten und differenzierte Lebensweisen, die das das Land aufgrund seiner begrenzten Einwohnerzahlen niemals bieten kann.Dabei ist zu bedenken, wir leben in keiner echten Großstadt wie Berlin oder London. Stuttgart als 600.000 Einwohner Stadt ist räumlich so gesetzt, dass die Vorzüge der Stadt voll zum Tragen kommen, dabei aber die Verbindung zur Natur gleichzeitig noch spürbar und beinahe täglich erlebbar ist, weil die Wege derart kurz sind. In einer Stadt wie Berlin ist diese Lebensweise zwischen Stadt und Natur einfach zeitlich nicht in der Art möglich.Ich glaube daher, dass die mittelgroßen Städte und ihre Einzugsgebiete in Europa in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden zur ernsthaften Gefahr für die Dörfer werden und heute schon sind. Das Phänomen der "Vervorstädterung" spielt hier eine große Rolle! Wenn ich es mir recht überlege, muss ich meine Meinung von Jein zu Nein ändern, die Renaissance der Dörfer ist HEUTE noch nicht denkbar...
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Katrin Vetters / 3.3.2014 / 22:27

Journalistin und Kooperationspartnerin der Debatte

Jein ...

Eine Woche vor Schluss steht die Debatte "unentschieden"! - Das macht staunen, sprechen doch alle Statistiken gegen ein absehbares Wiedererstarken der Dörfer. Die Antwort auf die Debattenfrage müsste demnach "Nein" lauten. Doch so einfach machen es sich auch die Dorf-Skeptiker nicht. Statt dessen tun sich einige bedenkenswerte Seitenwege des Themas auf:Ist schlechte Erreichbarkeit wirklich das schlagende Argument gegen Hintertupfingen? Verlaufen die Gräben gar nicht zwischen Stadt und Land, sondern, wie Monika M. Rösler sagt, zwischen unterschiedlichen Lebensstilen - die durchaus auch die Dörfer beleben könnten? Ist das bessere kulturelle Angebot in den Städten nur ein Vorwand, und ist es nicht in Wahrheit der Kommerz, der die Städter betört, wie Albert Dietz vermutet?"Das Leben auf dem Land impliziert eine höhere Bereitschaft, sich um sein Umfeld zu kümmern.", gibt Lorenz Brugger zu bedenken.Aber steht nun dieser "Bereitschaft zum Kümmern", überhaupt den wiederholt festgestellten Mühen des Landlebens, eine entsprechende Belohnungen, ein Ausgleich, gegenüber, der Leben auf dem Land - in unterschiedlichen und vielleicht auch neuen Formen - wieder attraktiv macht? Ist sie also denkbar, die Renaissance der Dörfer?
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Florian Budke / 18.2.2014 / 20:58

Absolvent der Architektur

Jein ...

Wenn ich diese Debatte auf meine Heimat, das Saarland, beziehe und mich in meinem Umfeld umschaue, dann stellt sich hier kaum die Frage, ob es zu einer Renaissance kommt. Dies mag vielleicht am Patriotismus der Saarländer liegen, denn eine Abkehr bzw. einen Zulauf kann ich persönlich nicht feststellen. Ganz im Gegenteil, bei genauerer Betrachtung kann ich im persönlichen Umfeld oft feststellen, dass viele dem Saarland und ihren Kleinstädten und Dörfern die Treue halten. Es findet ein regelrechter Bevölkerungsaustausch von Jung und Alt statt. Alte, leerstehende Gebäude werden von der jüngeren Generation direkt und zu relativ günstigen Preisen gekauft und selbst saniert.So reihen sich Dörfer aneinander wie sprichwörtliche Glieder einer Kette. Versorgungsengpässe sind kaum spürbar, da die Distanzen zu größeren Kleinstädten oder Städten recht überschaubar sind. Gleiches gilt für die Erreichbarkeit der Arbeitsplätze. Große Industriefirmen sind in näherer Umgebung zu finden. Der Zwang wegen eines Arbeitsplatzes umzuziehen, entsteht kaum.Ich persönlich denke, dass es genau darum gehen muss, Dörfer bzw. Kleinstädte zu stärken. Hier sind die Gemeinden und Städte gefragt vorhandene Stadtstrukturen zu erhalten und sie weiter leben zu lassen. Ansätze, welche von der Erschließung von Neubaugebieten ausgehen, erscheinen in einem solchen Zusammenhang fragwürdig.Der oft beklagte Leerstand in Städten ist meiner Meinung noch so selbstverschuldet.Vielleicht stellt das Saarland eine Ausnahme in diesem Prozess dar und profitiert einfach nur von der Heimatverbundenheit seiner Bewohner. Auf der anderen Seite sind aber ebenso die Dichte der Dörfer und die damit verbundenen kurzen Wege als weitere Aspekte und Gründe zu nennenSchlussendlich, auch wenn wir in direkter Nähe zu Frankreich leben, eine 'Renaissance' kann ich nicht feststellen. Die Menschen bleiben einfach nur gerne hier.  Florian Budke, 1983 in Ottweiler geboren, nach kurzem Zwischenstop im Kunstgeschichtstudium, 2006 - 2013 Studium der Architektur an der TU Kaiserlautern. Seit Sommer 2013 Dipl.-Ing. Während des Studiums Tutor für Baukonstruktion und Entwerfen bei Prof. Bernd Meyerspeer und Hilfswissenschaftler am Lehrgebiet GTA. Praktikas bei Florian Nagler Architekten, München und Bayer und Strobel Architekten, Kaiserslautern. Zur Zeit freiberuflich für das Architekturbüro Kirchspitz in Kaiserslautern tätig, aber insgeheim auf der Suche nach seiner Stellung zu und in der Architektur.
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Monika M. Rösler - PPM AG / 14.2.2014 / 19:12

Unabhängige Immobilienberaterin, Rhein-Main

Ja ...

 Versteht man "reif" im Sinne von "dringend notwendig": JA. Legt man den Fokus darauf, ob es dafür Mehrheiten gibt, die sich schon in Bewegung gesetzt haben: Nein.Wir beschäftigen uns - als unabhängige Immobilienberater - seit 2001 mit den Auswirkungen des demografischen Wandels in Deutschland. Regelmäßig wird in den Medien ausgeblendet/ignoriert, dass uns - gemessen an der Geburtenrate von 1963 - mittlerweile über 20 Mio. Menschen fehlen, die weder geboren wurden, noch selbst Kinder haben werden. Das hat - bezogen auf die Nutzung von Immobilien - dramatische Auswirkungen. Die Urbanisierungswelle hat Teilnehmer aus allen Altersklassen. Abbezahlte Einfamilienhäuser werden zunehmend nicht mehr so lange genutzt, wie die Eigentümer leben und gehen dann automatisch innerhalb der Familie an ein "geeignetes" Kind, sondern die Eltern ziehen schon zu einem frühen Zeitpunkt (häufig ab ca. Mitte 50) lieber in die "große" Stadt, kaufen oder mieten ein schickes Penthouse mit Dachgarten und Aufzug und legen großen Wert auf Lebensalltags-Komfort (Rund-um-Sorglos-Paket). Da die Anzahl der Kinder pro Familie, ja Großfamilie (unter Einbeziehung der Eltern-Geschwister) stark abgenommen hat und es oft nur ein einziges Kind gibt, das potenzieller Erbe ist, winkt dieses Kind - dem man das Eigenheim zur Eigennutzung andient, schnell ab und führt ja bereits ein Leben, das die Nutzung des Elternhauses auch quasi ausschliesst. Dann soll verkauft werden, ... im Notfall vermietet. Und dann stellt sich eine große Überrasschung ein: NIEMAND will das Haus. Der erste Makler schafft es nicht, der zweite nicht, über den Preis geht nichts ... was ist los? Alle wollen in die Stadt und die, denen das nicht ganz so wichtig ist, wollen wenigstens ein komplett neues Haus nach aktuellsten Energieeinsparverodnungsgesetzen ausgerichtet - egal, wie schlecht es sich dann darin lebt und egal auch, dass es schon nach wenigen Jahren ebenfalls ungeliebt ist und im Bedarfsfall keinen Käufer findet. Die Kommunen ignorieren tapfer, dass die Ausdehnung der Flächen, für deren "Unterhalt" (Kanal, Strasse, Wasser etc.) sie zuständig sind, viel zu umfangreich geworden sind (und trotzdem noch weiter wachsen) und gleichzeitig die Anzahl der Köpfe, die in den vorhandenen Immobilien leben, ständig abnimmt (damit auch die Einnahmen, die verbrauchsorientiert sind). Häuser in Ortsmitten vergammeln, nachdem sie viele Jahre leer stehen und selbst in einer scheinbar wohlhabenden Region wie Rhein-Main, ist die galoppierende Zunahme dieser "Resthäuser" zu beobachten. Wir sehen nicht, dass es hier einen pauschalen Lösungsansatz geben könnte. Wir würden uns aber dafür begeistern, wenn die Unehrlichkeit (Immobilien = Alterssicherung) endlich aufhören würde. Immobilien sind vor dem Szenario einer stark schrumpfenden Gesellschaft mit völlig gewandelten Vorstellungen über präferierte Lebensstile keine sichere Wertanlagae mehr (lassen wir die Hot Spot Lokationen außer acht, die gerade noch boomen), denn es ist schon völlig sicher: es wird ständig weiterer Wohnraum frei, für den es keinerlei Verwendung mehr gibt. Und es wird immer eiliger, das endlich öffentlich wahrzunehmen, damit Lösungsansätze (Plural) eine Chance haben diskutiert und realisiert zu werden.  Monika M. Rösler hat als Personalchefin eines internationalen High-Tech Unternehmens ihre Karriere damit begonnen, innovative Lösungen in die Praxis umzusetzen, um für Menschen Alltagssituationen zu optimieren (hoch flexible Arbeitszeitmodelle, Work-life-balance, Lebensarbeitszeit). Nach einem Ausflug in die Welt der Unternehmensberatungen (Executive Search) wurde sie Mitglied der Geschäftsleitung u. Human Resources Director Central Europe bei Black & Decker. 1999 gründete Rösler die PPM AG, die sich zum unabhängigen Immobilienberater entwickelt hat und sich mit den Auswirkungen des demografischen Wandels in Deutschland konstruktiv auseinandersetzt. Die Revitalisierung von Bestandsimmobilien (Homing In) ist ihre Herzensangelegenheit. Ihr Motto: Nicht jammern. Hinschauen. Handeln.  
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Jan Esche / 14.2.2014 / 17:27

Kommunikation, München

Jein ...

„Laptop und Lederhose“ – wie schön sich so was sagt, und vor allem, wie leicht, und wie lässig das klingt. Diese von Altbundespräsident Roman Herzog geprägte Metapher bekräftigt seit dem Ende der 1990er Jahre auf spielerische Weise die Auffassung, in der Entwicklung Bayerns "vom Agrarland zum High-Tech-Staat" sei die Verbindung von Tradition und Moderne in besonderer Weise geglückt. Seit geraumer Zeit wabbert in Bayern die schöne Formulierung: „Bayern – Stadt und Land, Hand in Hand“. So soll das Landesentwicklungsprogramm überall in Bayern für gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen sorgen – egal ob in München oder in Wunsiedel. Ziel, Bayern und seine Teilräume zu entwickeln, zu ordnen und zu sichern, in allen Landesteilen gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen und zu erhalten.  (http://www.stmwi.bayern.de/landesentwicklung/instrumente/landesentwicklungsprogramm/) Da kommt der Ruf nach einer „Renaissance des Dorfs“ gerade recht. Verschwindet doch unwiederbringlich das Dorf, an das anzuknüpfen geht, anzuknüpfen lohnt. Das Dorf mit seinen dörflichen Strukturen und den alteingesessenen Geschäften, lebendigen Dorfzentren und idyllischen Verkehrsaufkommen. Das Dorf in unseren Erinnerungen, in unseren Bildern, das Dorf als Kulturgut. Es ist eine Chimäre, der wir nachjagen, ein Wunschbild, eine Projektion, der wir anhängen und mit der wir uns (gerne und bereitwillig) in den Medien rauf und runter einlullen lassen. Landliebe, Landleben, Landlust – mit allen Sinnen, wie von Sinnen. Fluchtpunkt Dorf. (http://www.zeit.de/2011/23/Landlust-Landfrust) Hand aufs Herz! Wo finden wir die, beim Stau raus aus den großen Siedlungsbreis München, Nürnberg-Fürth-Erlangen und Augsburg, wenn wir uns Stoßstange an Stoßstange durch die Dörfer von Ampel zu Ampel quälen, vorbei an all den heimeligen 0815-bajuwarisierenden Schmusehäuschen und den schmuck aufgebretzelten, aber längst ihrer ursprünglichen Funktion beraubten Dorfmitten. Bei der mühevollen Parkplatzsuche, beim endlosen Warten im Gasthof zur Post oder im Biergarten, beim Frust vor der Rückfahrt, beim Stau wieder nach Hause, beim Schimpfen, beim schalen Nachgeschmack, nächstes mal machen wir was anderes. Da gehen wir an die Isar, wozu in der Ferne schweifen, wenn das schöne so nah ist. Home is, where my heart is. Im Ernst: Das Erscheinungsbild bayerischer Dörfer hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Mit dem anhaltenden Strukturwandel in der Landwirtschaft gehen leerstehende Gebäude, Nutzungsänderungen und Umstrukturierungen der dörflichen Bausubstanz einher. Schnell wachsende Neubaugebiete und bauliche Veränderungen an bestehenden Gebäuden integrieren sich oft nur wenig in die historisch gewachsenen Strukturen. Die neue Bebauung, häufig vom Geschmack »modischer Trends« geprägt, überholt sich sehr schnell. (http://www.bda-bayern.de/aktuelles/meldungen/artikel/2013/06/22/bavaria-quo-vadis.html) Vorschlag: Das Erscheinungsbild unserer Dörfer wird sich weiterhin dramatisch verändern. Deshalb kommt der qualifizierten Planung von alltäglichen Bauvorhaben immer mehr Bedeutung zu. Maßstab dabei Nachhaltigkeit, die ökonomischen, ökologischen und sozialen/kulturellen Belange endlich gleichrangig zu berücksichtigen und miteinander konsequent in Einklang zu bringen. Sonst wird aus Landlust ganz schnell Landfrust.  Jan Esche, geb. 1957, Dr. phil., Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Politologie an der Universität Hamburg. 2007 Gründung Esche | Kommunikation, München. 1993 - 2007 Kommunikation und Marketing Architekten gmp von Gerkan Marg und Partner, Hamburg, Ingenhoven Overdiek Architekten, Düsseldorf, RKW Rhode Kellermann Wawrowsky Architektur + Städtebau, Düsseldorf, Henn Architekten, München, 2008-2012 Objektleitung Design Süddeutscher Verlag onpact, München. Seit 2005 Lehraufträge für Kommunikation und Verbale und Visuelle Rhetorik an der Fachhochschule Salzburg, an der Hochschule Weihenstephan und an der Hochschule München. Seit 1988 Veröffentlichungen zu Architektur, Design, Städtebau und Denkmalschutz. (www.jan-esche.de) 
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Sabine Eva Rädisch / 13.2.2014 / 15:30

Ingenieurin, Energiebloggerin, Autorin

Jein ...

Tut eine Renaissance der Dörfer not? Ich meine Ja, denn es liegt vieles im Argen. Der öffentliche Nahverkehr liegt darnieder, Schulen sterben, Menschen fahren viele viele Kilometer zur Arbeit, ärztliche Versorgung ist nicht mehr verfügbar. In vielen ländlichen Gegenden ist das für Familien mit Kindern ein Problem (da kann der Schulweg schon mal über die Schullaufbahn entscheiden...), ebenso das Älterwerden. Und wer nicht gerade selbst anbaut oder auf dem Bauernhof einkauft (sofern der Betrieb noch nicht aufgegeben hat wie so viele), findet in den Einheitssupermärkten auf der grünen Wiese welke Salatköpfe vor. Wer ökologisch leben will (also viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen und nachhaltig einkaufen), muss fast in die Stadt ziehen. Deshalb spreche ich mich unbedingt für eine Renaissance der Dörfer aus.Ist die Zeit schon reif dafür? Ich fürchte, nein. Sabine Eva Rädisch wurde 1973 in Deggendorf, Niederbayern, geboren. "Kindheit und Jugend auf dem Dorf, fernab vom kulturellen Leben der Städte, verliehen meiner Fantasie Flügel." Sabine E. Rädisch studierte Bauingenieurwesen in Regensburg und schrieb ihre Diplomarbeit über Pflanzenkläranlagen in Horsens/Dänemark. Nach einem Weiterbildungsstudium zum Master of Engineering arbeitet sie als Bauingenieurin in der Siedlungswasserwirtschaft für die Stadt Regensburg, sowie als freie Autorin, Bloggerin und Dozentin.
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Ante Ljubas / 12.2.2014 / 5:21

Dipl.-Ing. Architektur & Städtebau

Nein ...

...ist dann doch die Einschätzung nach zweiter, reiflicher Überlegung, trotzdem ich dem visionären Aspekt gerne ein Ja gegeben hätte. Ich bin jedoch darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Unterton meiner folgenden Argumentation eher ein Nein statt ein Jein betont. Ich bin auch gebürtiger Städter, lebe aber in unmittelbarer Nähe des verschollenen Frankfurter Grüngürteltiers an der urbanen Peripherie. Fast täglich mache ich einen Spaziergang entlang der Nidda, bewundere die Revitalisierung der Natur in den letzten drei Jahrzehnten und denke mitunter an die heute vermiedenen Persil-Schaumkronen. Die Planung zum Rückbau der Flußwehre und zur teilweisen Renaturierung der Flußläufe in den 90ern habe ich als Auszubildender bei den Wasserwerken mit der Dokumentation von Bodenprofilen am Rande begleitet. Für mein persönliches Erleben ist Stadt vor diesem Hintergrund lebenswerter und auch bedeutungsvoller geworden. Wahrscheinlich geht dies all denjenigen so, die durch ihre Arbeit mit dem öffentlichen Raum, in dem sie auch Leben, verbunden sind. Das kann dann durchaus auch ein örtlicher Verein, wie sie auch in Dörfern zu finden sind, sein, der aktiver Teil der räumlichen Handlungen in Ergänzung neumodisch-virtueller Welten wird.  Bis dahin sehe ich noch keine wesentlichen Unterschiede. Ich kann auch hier meiner Abgeschiedenheit fröhnen, jedoch ist es wohl die Gewissheit der Weite, die so manch Einen in seiner allabendlichen Renaissance beflügelt. Bisher unbetroffen von Gentrifikationsfolgen ist Landleben für mich jedoch nur eine weitere Möglichkeit, die ich jederzeit mit einer S-Bahn-Fahrt in Fußlaufweite zur Haltestelle als Ergänzung am Wochenende haben kann. Meine Eltern sind als Bauern aufgewachsen und haben in den Wirtschaftswunderjahren der 60er das städtische Leben mit Elektrizität, Mobilität und allen Annehmlichkeiten modernen Lebens kennengelernt. Sie mussten dazu aber auch ein Stück weit ihr natürlich erworbenes Selbstverständnis zugunsten abstrakter Vorgänge aufgeben, die sie teilweise, wegen ihrer für den eher praktisch veranlagten Menschen wenig greifbaren Komplexität, heute noch frotzelnd belächeln, nicht selten verärgern, manchmal aber auch bewundern. Befragt, würde meine Mutter nur ungern zur früheren Lebensform zurückkehren, da sie die Vorteile urbaner Lebensform gerade im Alter und ohne Führerschein geniesst. Mein Vater sehnt sich schon nach der alten Lebensform, ist aber auch eher ein asketischer, sehnsüchtiger Charakter, den das Konsumparadies kaum lockt. Wahrscheinlich ein nicht seltenes Männerschicksal im Alter. Unter der Voraussetzung, daß sich wesentliche Elemente urbaner Annehmlichkeiten in ein Dorfleben projezieren liessen, würden beide Elternteile sich wahrscheinlich einigen können, wenn in der Stadt nicht die Wegbegleiter ihres bisherigen Lebens verankert wären. Andererseits: der Zerfall sozialer Kohäsionskräfte vor dem Negativ industriell orientierter Raumordnung, Flächennutzung, fluktuierender Arbeits- und Lebensformen in einer verdichteten Situation ist gemeinhin bekannt, Teil der Geschichte und scheint mir der wesentliche Grund der verspürten Entfremdung gerade in der urbanen Dichte zu sein. Lebensgeschichten entwickeln nicht selten nomadischen Charakter und werden durch einen Verknappungsmechanismus angetrieben, der so manches Mal zum suburbanen Exodus führt. Dahingehend sind die praktischen Folgen eines vermeidenden Prinzips in ihrem Extrem: Wegfall von Handlungsoptionen jenseits des individuellen Konsum- und Zeitbudgets im Zusammenhang mit einem geringem Umfang des räumlichen Freiangebots. Sie markieren den Beginn der Entfremdung vom urbanen Lebensstil und die Weiten der Einsamkeit, gerade wenn der soziale Organisationsgrad einer ganzen Nachbarschaft unter diesem Modus wegbricht.  Die Occupy-Bewegung, Urban Gardening, kostenfrei organisierte Sommerfestivals (in FFM: Stoffel, Sommerwerft etc.) muten da quasi als überspitzte Formulierung unerfüllter Sehnsüchte der Teilhabe an einem gemeinschaftlicheren Leben an. Sie loten in Teilen die Möglichkeiten lokalen Handelns aus und finden trotz zumeist breiter Akzeptanz durch die städtische Bevölkerung ihre stadträumlichen und zeitlichen Grenzen. Sie verändern aber auch die emergente Qualität von Städten, indem sie konsumzwangsfreie Zonen reaktionär generieren.  In dieser logischen Konsequenz ist auch die projezierte Renaissance der Dörfer zu verstehen. Sie erkennt das Mißverhältnis zwischen Landnahme, Bevölkerungsdichte und zur Verfügung stehenden Ressourcen und stellt sich gegen ein effizienzgetriebenes Stadtmodell mit einer Nachhaltigkeitsvision, die sich auf die Ursprungsorte der Landflucht richtet.  Sie proklamiert entgegen Sievert-Saunder'scher Prognosen die Möglichkeit einer Trendumkehr, die es im Vorgriff auf die Qualitäten eines erfolgreichen Endzustandes zu belegen gilt.  Hier steht Empirie gegen Wunschdenken. Ich kann mir Letzteren - global gesehen - nur unter der Dekonzentration des Wirtschaftens vorstellen. Dazu gehört eine Zerschlagung stadträumliche Nähe und Flächenexpansion suchender Wirtschaftsmodelle, wie sie bislang von der Politik gefördert wird, zu Gunsten eines räumlich loseren, kommunikationsentbehrenden Wirtschaftens. Eine Tür hierzu könnte ein zu belegendes, kostenneutrales Sozialmodell sein, welches ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht, um den innerdeutschen Migrationsdruck auf das Individuum zu mildern und eine Ausrichtung der Wirtschaft auf die sozialen Verhältnisse zu erzwingen. So, die These, können dann auch wieder alternative, lokale Traditionen geschaffen werden. Wer jetzt an Sozialismus denkt, denkt unter dem Eindruck kapitalistischer Sozialisation wahrscheinlich nicht allzu selten auch: das funktioniert eh nicht, weil freie, durchgefütterte Menschen nicht fleißig genug sind, um den Wohlstand zu erwirtschaften, auf dem diese Idee ihre Frucht tragen soll! Letztendlich eine Währungsfrage! Ein weiterer "Rückblick": die Ursprünge der Stadtentwicklung von der Burg, zur Residenz, zum Schloss kann ich an der Mündung der Nidda zum Main in Höchst als Zeitzeugnis bewundern. Auch die späten Beginne der Frankfurter Industrialisierung finde ich hier mit dem ehemaligen Höchst-AG-Areal und angegliederten Werkssiedlungen, die auch in wunderbarer Ausprägung im Auftrage der deutschen Reichsbahn als Infrastrukturdienstleister am Nieder Wald erbaut wurden. Die Vergangenheit ist an all diesen Orten auch gelebtes Zeugnis eines Verwertungszusammenhanges, der heute in reaktionärer Kritik neoliberal organisierter Lebensformen romantisiert wird, aber wahrscheinlich auch schon damals von der landflüchtenden Bevölkerung trotz aller beruflicher Härte als Lebenserleichterung empfunden wurde. Wohlgemerkt ist dies nur eine Vermutung, gestützt durch elterliche Thesen, obwohl ich auch mal las, daß der Wegfall der Beisaßensteuer für Frankfurt eine wichtige Wende war.  Also sollte im Umkehrschluss das Leben auf dem Lande heute zwingend finanziell attraktiver werden, um eine Renaissance des Dorfes zu ermöglichen. Für den mobilen Stadtunternehmer mit der Bleibe auf dem Lande mag das jetzt schon so sein, da er über den dafür nötigen Verdienst verfügt. Die stetig wachsende Zahl der Billiglöhner werden aber in der Vergleichsrechnung zum Stadtleben zwingend besser gestellt werden müssen, bevor diese ihr Zeitbudget unnötigerweise für den zugegebenermaßen, theoretisch wertvollen Waldblick überreizen, von dem diese dann faktisch doch recht wenig haben. Alles Andere betrifft die ländliche Arbeitsmarktpolitik zu der ein unternehmensphilosophischer Wandel gehört, wenn die politische Doktrin - wie zuvor angedeutet - nicht komplett umgekrempelt werden soll. Und was nun?  In den letzten Jahren verspüre ich die Schizophrenie der Traditionssimulation als Ausdruck defizitärer städtischer Lebensmodelle am Beispiel der Dom-Römer-Rekonstruktion. Sie wurde initiiert von den Altstadtfreunden, die mit ihrem politischen Erfolg die Skyline Frankfurts mit neuen Symbolen der Sehnsucht collagieren und en gros nur für Bessergestellte rentierlich sein werden. Gleichzeitig verfällt vorhandene, mittelalterliche Fachwerkssubstanz in der Altstadt von Frankfurt Höchst und der Prozess der Rekonstituierung suburbaner Stadtteilqualitäten als Ersatz weggebrochener industrieller Potenz gestaltet sich schwierig, wird aber am Ende auch zu einer schicken Romantikcollage führen, nur eben ohne Skyscraper.  Die von Teilen der Bevölkerung als störend empfundene Konzentration einzelner Nationalitäten in städtischen Billigmietzonen wird dabei auf lange Sicht von einer begleitenden Gentrifikation aufgebrochen werden und wiederum den Druck zum Wegzug aus der Stadt oder in andere Billigmietzonen stetig erhöhen. Der weitere Bezugsmaßstab, Kosten für die Wegzeit zum Tätigkeitsort, definiert als Budgetanteil schon immer die Reichweite eines möglichen Umzugs, wenn nicht Beides gleichzeitig verlagert wird.  Dies führt, empirisch belegt, eher vom Stadtkern in die Peripherie, obwohl man auch schon vom umgekehrten Weg - gerade im Alter - gehört haben soll (siehe Benzinpreisentwicklung/autofreies Leben).  Günstigere Mieten und Fahrtkosten, die der finanziellen Gewinnspannenmaximierung der Unternehmensmodelle gerecht werden könnten, scheinen in all seiner logischen Konsequenz nur mit Arbeitsplätzen im Nahbereich eines Dorfes möglich zu sein. Da liegt denn auch die Chance der Renaissance der Dörfer. Nun müssen die Unternehmen den Urban Fringe nur noch überspringen und direkt in Dörfern erfolgreiche Unternehmensmodelle arbeitsplatzwirksam umsetzen. Vielleicht ist das schon passiert und man hört nur nichts oder zu wenig in den Medien davon? Gleichzeitig wird immer wieder gerne von der Wichtigkeit der Kultur als weichem Standortfaktor gesprochen. Täuschen die sich alle? Ist der Waldspaziergang und die Dorfkneipe nicht viel mehr wert?  Vielleicht brauchen wir aber auch nur einen die Zinswirtschaft unterminierenden Bitcoin, um eine Schubumkehr zu Gunsten der Dorfrenaissance zu erreichen? Ich vermute, daß das dörfliche Lebensmodell leider nur ein Anhängsel wirtschaftlicher Agglomerationsräume bleibt und jeder Schritt darüberhinaus einen grundlegenden Wertewandel, der auch das Sozialmodell vereinnahmt, erfordert. Momentan sehe ich das angesichts der politischen Landschaft nicht. Daher vermute ich bei allem Optimismus eher ein Verschwinden der abgelegeneren Dörfer.Ante Ljubas, geb. 1971, hat an der TU Darmstadt Architektur & Städtebau studiert. Er war 2009-2013 Tutor, Lehrbeauftragter und forschender WiMi am FG Industrielle Methoden der Hochbaukonstruktion, FB Architektur und FG Konstruktives Gestalten und Baukonstruktion, FB Bauingenieurwesen der TU Darmstadt. Zur Zeit beschäftigt er sich neben Material-/Produktionsforschungen mit Infrastrukturprojekten auf Bürgerseite im Frankfurter Westen. http://parametricproduction.de
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Albert Dietz / 11.2.2014 / 21:01

Ingenieur aus Leidenschaft

Ja ...

ich bin ein geborenes Stadtkind (FFM) und habe meinen Wohnort kontinuierlich von der Stadt weiter zum Land bewegt. Damit einher ging tatsächlich eine höhere Wohn- und auch Lebensqualität. Auf dem Land lebt es sich weniger hektisch und mit weniger Reibungspunkten zu den Mitmenschen. Die viel gepriesenen Vorzüge des urbanen Lebens sind für mich in erster Linie kommerzielle Angebote die an dem vorbeigehen, was ich tatsächlich ständig für ein erfülltes Leben benötige. Abends in die Landschaft gucken statt zu "shoppen", in die Kneipe und/oder Kino/Theater zu gehen unterstützt natürlich nicht die Konsumgesellschaft - und wird daher von den Mainstreammedien auch nicht beworben. Mir reicht das Hamsterrad tagsüber, ich brauche das nicht auch noch in der Freizeit.Gruß, Albert
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Oliver Langbein / 11.2.2014 / 16:12

Jein ...

Ein Plädoyer für den Ausbau des ÖPNV zwischen Stadt und Land Ich wohne zwar nicht im Dorf, aber auf dem Land - aber auch in der Stadt. Mit Famile im Odenwald in einem Mehrgenerationenhaus. Mit Frau und drei Kindern, in zwei Einliegerwohnungen Schwiegermutter und Vater, letzterer bedarf zum Teil der Pflege. Ausserdem habe ich eine Wohnung in Dortmund. Dafür sitze ich 2 mal die Woche ca 4 1/2 Stunden im Zug. Beide Situationen sind notwendig. Die Jobs für Professoren sind nicht so dicht gesät, dass man es sich so ohne weiteres aussuchen könnte, wo man eine bekommt. Gerade bei etwas speziellem Profil.... Für eine W2-Besoldung kann man aber nicht gut sieben Menschen aus drei Generationen verpflanzen. Auch wenn sich das die Hochschulen so wünschen.  Und wenn man sich meine Bahnstrecke so anschaut, sieht man auch wo das Problem liegt. Aus dem Odenwald zum Fernbahnhof Frankfurt am Flughafen fährt man fast zwei Stunden, es ist die kürzeste Strecke. Für Frankfurt am Main - Köln etwa 50 Minuten - die mit Abstand längste Teilstrecke; von Köln nach Dortmund nochmal etwa 1 1/2 Stunden - die mittlere Strecke. Länge der Strecke und Dauer der Fahrt sind genau gegenläufig. Die kürzeste dauert am längsten und die längste am kürzesten. Das Leben auf dem Land erscheint deswegen so unattraktiv, weil es verkehrstechnisch ziemlich abgehängt ist. In Dortmund brauche ich auch kein Auto. Im Odenwald mit Familie ist es nicht denkbar ohne. Vielleicht ist es eine Verkürzung, wenn man alles auf die Verkehrsanbindung schiebt. Aber man wird eben in dünn besiedelten Gebieten nicht so viel Infrastruktur schaffen können. Mittelständiges Gewerbe, schön und gut. Aber das Leben besteht nun mal nicht nur aus Arbeit und TV Glotzen. Das kulturelle Angebot kann man auf dem Land nicht beliebig erhöhen. Und deswegen steht man schon ein bisschen vor der Entscheidung: Natur oder Kultur. Entweder im Wald spazieren gehen oder ins Theater ... Man hört zwar von vielen Städtern, dass sie dann doch nicht dauernd das vielfältige kultruelle Angebot nutzen, aber ganz ehrlich - ich geh auch auf dem Land nicht dauernd in den Wald... Was wir wirklich bräuchten, ist eine wesentliche Verbesserung des ÖPNV von den ländlichen Gebieten in die Städte und Großstädte. Die Bevorzugung von Autoverkehr gegenüber Schiene und meinetwegen auch Bussen müsste umgedreht werden - und das ist schwierig in einem Staat, der sich wirtschaftlich so stark mit dem Auto identifiziert. Durch meine Situation rechnet sich eine Bahncard 100, die ja auch den ÖPNV in fast allen Städten einbezieht. Das sollte einfach wesentlich billiger sein und subventioniert. Es ist eine reine Gewohnheitssache. Die angebliche Freiheit, mit dem Auto (auch in der Stadt) überall hin zu kommen, entpuppt sich schnell als Falle. Parkplatzsuche und Staus drehen die Sache eher um.  Solange die ländlichen Regionen so abgehängt sind, sind sie schon eben auch eine Art Falle, wie auch der kürzlich hyperventilierte FAZ-Artikel von Antonia Baum über die Odenwaldhölle gezeigt hat. Man muss die Diskussion darüber nicht unbedingt wiederholen - da mag viel sehr subjektiv motivierte Polemik der Autorin gewesen sein, dennoch steckt da auch einiges an Wahrheit drin ... Die Frage ist also weniger warum das Wohnen in der Stadt "hip" ist, es ist eher die Frage warum das Leben auf dem land es eben nicht ist. Unsere nach wie vor rückständige Arbeitsteilung entlang der Geschlechterrollen führt eben dann doch zu inhaltsleeren Lebensentwürfen von "grünen Witwen" in flächenverbrauchenden Siedlungsformen auf dem Land mit all ihren Problemen. Genauso wenig wie der Computer zum papierlosen Büro geführt hat, führt das Internet zu fernarbeitenden Landbewohnern. Die meisten Jobs brauchen eben Kontakte. Face to face und Networking geht besser im Kiez als bei Facebook oder bkult.... Ich weiss nicht ob es ein Ansatz ist, eine Renaissance der Dörfer anzustreben, die dann tatsächlich dörfliche Lebensformen in tradierter Weise wieder herstellen könnte. Ich denke der Zug ist abgefahren. Die Glücksverheissung durch TV und blitzschnellen Informationsfluss geht eben am Alm-Öhi nicht vorbei. Der muss eben auch im - dann echten - Zug schnell in die Stadt kommen. Und andersherum....  Oliver Langbein, geb. 1967, hat an der TU Darmstadt Architektur studiert und 1996 »osa - office for subversive architecture«, Netzwerk für Kunst, Architektur und Stadtentwicklung, mitgegründet. Er war 2001-2006 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachgruppe Stadt, FB Architektur, TU Darmstadt. Er gab "sitios"-Workshops in Mexico City, Guadalajara, an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel & »The Knot« in Warschau. Seit 2003 hatte er Lehraufträge an der Technischen Universität Darmstadt (TUD), der Hochschule Darmstadt (h_da), der Hochschule Coburg und der Universität Kassel. Er ist seit 2011 Professor für Szenografie an der FH Dortmund. 
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Lorenz Brugger / 11.2.2014 / 15:44

Architekt, Stuttgart

Jein ...

Einerseits lebt seit 2008 die Mehrheit der Menschen erstmals in Städten, andererseits blüht eine Sehnsucht nach mehr Freiraum und Natur im Stadtmenschen auf. Diese ambivalente Haltung der Stadtbevölkerung, die beileibe nicht jeder leben kann und will, wird sich meiner Meinung nach in den nächsten Jahrzehnten verfestigen: Die reiche Bevölkerung wird diese Sehnsucht in regelmäßigen Abständen befriedigen und gleichzeitig ihren Alltag in der Stadt verbringen. Ob es nun das Häuschen auf der schwäbischen Alb, die Hütte in den Tiroler Bergen oder das Strandhäuschen an Bodensee oder Nordsee ist, diejenigen, die es sich leisten können, werden dies meiner Meinung nach tun. Das Problem ist, dass man dabei nur die Vorteile der jeweiligen Lebensweise genießen will und die Nachteile gerne ausblendet. Das Leben auf dem Land ist aufwändiger, teilweise schwieriger, auf jeden Fall aber grundlegend anders, als das Leben in der Stadt. Auf lange Sicht wird es so aber kein typisches Landleben mehr geben, wie wir es heute noch kennen. Denn die Dörfer werden zu Zweitwohnsitzen für die Stadtbevölkerung und damit zu Geisterdörfern. Die Landschaft um die Dörfer wird sich bis hin zur Verwilderung stark verändern, sofern die Landschaftspflege nicht aufrechterhalten wird, weil die Arbeitsplätze der „Landbevölkerung“ in der Stadt liegen. Dies gilt genauso für die ländlichen Einzugsgebiete der großen Metropolregionen in Europa, in denen nur noch gewohnt, aber nicht mehr gelebt wird. Ganze Gemeinden werden zu Pendlervororten ohne soziale Einrichtungen, Nahersorgungseinrichtungen, lebendige Zentren, kurz ohne Leben. Dieses Phänomen kann man in den stark entsiedelten Regionen der Alpen schon heute beobachten und die erschreckende Entwicklung, deren soziale, ökologische, kulturelle und nicht zuletzt wirtschaftliche Folgen können wir heute noch nicht begreifen. Verlieren wir das Land, verlieren wir auch einen gewaltigen Teil unserer Geschichte. Das lebendige, gelebte Land ist der exakte Gegenentwurf zum Leben in der Stadt, es sind sich ausgleichende, sich bedingende Lebensformen. Das Land ernährt die Stadt, erhält Traditionen, lebt ein intensiveres soziales Miteinander. Die Stadt bringt technologischen Fortschritt und Freies Denken ins Land, durchbricht Grenzen politischer und sozialer Tabus. Der Anspruch der heutigen Gesellschaft ist es, beides in Einklang bringen zu wollen. Das Leben auf dem Land impliziert eine höhere Bereitschaft, sich um sein Umfeld zu kümmern. Das Leben in der Stadt vereinfacht vieles: körperliche Arbeiten, Aufgaben und Pflichten für die Gemeinschaft werden an Dienstleister abgetreten. Das Land kann oft aufgrund seiner begrenzten Einwohnerzahl allein keine derartigen Services anbieten, Dörfer leben davon, dass man sich untereinander hilft. Dies fördert auch den Gemeinschaftssinn und den Sinn für das Soziale innerhalb einer Gemeinschaft, die städtische Bevölkerung tut sich in dieser Hinsicht schwerer, manchmal versagt sie komplett. Auf der anderen Seite ist die Stadt das Tor zur Welt. Alleine die Möglichkeiten kultureller, beruflicher und wirtschaftlicher Chancen sind um ein Vielfaches höher. Die Attraktivität der Stadt ist heute ja ungebrochen, in einigen Teilen der Welt beginnt die Stadt überhaupt erst ihren Siegeszug. Um es auf den Punkt zu bringen: das Land ist ein Äquivalent für das Bodenständige, die Stadt ist es für Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem. Die „Renaissance“ der Dörfer wäre also keine rein positive Entwicklung. Die Rückbesinnung auf das Leben auf dem Land beinhaltet die Gefahr, dass nur die positiven Aspekte der ländlichen Zone, also gute Luft, Schönheit der Landschaft, ruhige Umgebung, niedrige Mieten (auf den Mensch bezogen also exogene Faktoren) zum Vorschein kommen und die schwerer verdaulichen Aspekte wie Landschaftspflege, dörfliches Leben, Einstellung auf eine andere Lebensart (endogene Faktoren) einfach ausgeblendet werden und sogar in Vergessenheit geraten. Betonen muss man hier, dass dies nicht überall passieren muss, jedoch zeigen heute schon derartige Regionen etwa in den Westalpen Italiens, dass es Wirklichkeit werden kann. Noch wird es - und das zeigen auch aktuelle Statistiken - nicht zu einem Run auf die Dörfer kommen. Im Osten Deutschlands ist der Trend zur Stadt deutlich zu spüren, das Land entvölkert sich immer noch zusehends. Erst wenn eine kritische Masse erreicht ist, wird sich ein Zurückbesinnen auf das Landleben einstellen. Es wird höchst interessant sein, wann diese kritische Masse erreicht ist und ob sie überhaupt jemals erreicht wird. Zukunftsvisionen berühmter Schriftsteller und auch Architekten haben bereits vor Jahrzehnten prophezeit, dass die Städte unaufhörlich wachsen werden. Aus heutiger Sicht wohl eine etwas übertriebene Einschätzung, denn auch Städte schrumpfen oder stagnieren in ihren Einwohnerzahlen, aber im Großen und Ganzen wächst die Stadtbevölkerung im Gegensatz zur Landbevölkerung immer weiter.  Lorenz Brugger, geboren 1983, wuchs im zweisprachigen Bozen in Südtirol, Italien auf und ging nach Abschluss der Schule nach Deutschland und studierte dort an der Universität Stuttgart Architektur und Stadtplanung. Nach Auslandsaufenthalten in Oslo und Zürich schloss er erfolgreich sein Studium ab. In seiner Diplomarbeit über das Valle Maira setzte er sich mit der Entsiedelung von dörflichen Regionen in den italienischen Westalpen auseinander. Er arbeitet als angestellter Architekt bei der Freien Planungsgruppe 7 in Stuttgart.
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Gerhard Henkel / 11.2.2014 / 11:53

Humangeograf, Fürstenberg bei Paderborn

Ja ...

Auf jeden Fall! Eine Renaissance der Dörfer würde nicht nur den Dorfbewohnern sondern auch dem Gesamtstaat nutzen! Natürlich gibt es derzeit viele Probleme rund um das Dorf: Verluste an Arbeitsplätzen und Infrastruktur, Bildungsabwanderung der jugendlichen Dorfbewohner und Leerstand in den Ortskernen sind hier nur die wichtigsten Stichworte.        Aber es gibt auch viele positive Merkmale festzuhalten oder auch Werte, die das Land und seine Bewohner für die gesamte Gesellschaft bereitstellen: Immerhin leben in Deutschland noch rund 50 % der Menschen auf dem Land, auf einer Fläche von 90 %. Im ökonomischen Bereich rangieren viele Dorfregionen, z.B. in Baden-Württemberg, NRW oder Niedersachsen, über dem jeweiligen Landesdurchschnitt, was vor allem der auf dem Land dominierenden mittelständischen Wirtschaft zu verdanken ist. Durch das sog. „Informelle Wirtschaften“, das Tauschen oder Geben und Nehmen in der Nachbarschafts- und Verwandtschaftshilfe, beim Holzmachen im Walde, beim Bauen und Reparieren, im Garten- und Feldbau, erhöht sich der Wohlstand und das Wohlbefinden in den Dörfern. Ein hohes Plus des Dorfes ist die immer noch höhere natürliche Geburtenquote gegenüber der Großstadt. Dazu kommt inzwischen ein hoher Bildungsstand. Nach einer Unicefstudie haben Kinder und Jugendliche auf dem Land tendenziell eine bessere körperliche und psychische Gesundheit als in der Großstadt. Generell ist auch die Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld auf dem Lande höher als in Großstädten. Die Vorzüge des Dorfes zeigen sich zusammengefasst in den ländlichen Lebensstilen. Diese sind natur-, traditions-, gemeinschafts- und handlungsorientiert. Man lebt intensiv mit und in der Natur, man kennt und pflegt die überlieferte Geschichte, man macht vieles zusammen - vor allem in den zahlreichen Vereinen und Kirchengemeinden, man packt an und regelt zahlreiche lokale Aufgaben durch ehrenamtliches Mitwirken in Fördervereinen oder alten und neuen Genossenschaften. Insgesamt ist das nachhaltige Leben und Wirtschaften auf dem Lande stärker verbreitet als in der Großstadt. Mehrfache Werte, die unsere Gesellschaft vielleicht vom Dorf lernen kann?! Ein großer Schatz des Landes sind seine abwechslungsreichen und regionalspezifischen Kulturlandschaften samt ihrer Dörfer mit den sehr unterschiedlichen Bautraditionen, die auch von der Großstadtbevölkerung sehr geliebt und häufig für Erholung und Freizeit besucht und genutzt werden.   Stadt und Land sind gleichwertig in ihrer Bedeutung für den Gesamtstaat und die Gesellschaft. Sie sind aufeinander angewiesen. Es besteht eine Interessen- und Verantwortungsgemeinschaft von Stadt und Land. Stadt und Land sollten sich daher stets auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. Wenn es dem einen Teil schlecht geht, schadet das auch dem anderen, und es geht auch der Gesamtheit von Staat und Gesellschaft schlecht. Dies hat übrigens – fast wörtlich – schon vor 160 Jahren der berühmte Agrarökonom Heinrich von Thünen so formuliert. Leider werden Dorf und Land heute von der Politik in Bund und Ländern, von den oft urban geprägten Wissenschaften und Medien nicht immer in ihrer Eigen-Wertigkeit wahrgenommen, respektiert und gefördert. Hat das Dorf eine Zukunft? Meine Antwort lautet: eindeutig ja! Sehr viele Menschen lieben und schätzen das naturnahe und überschaubare Landleben. Land und Dorf haben mannigfache ökonomische, ökologische, kulturelle und soziale Potentiale und außerdem in Jahrhunderten erlernte Kompetenzen, lokale und regionale Aufgaben gemeinsam anzupacken. Nicht nur die Stadt, auch das Dorf ist ein Erfolgsmodell der europäischen und deutschen Geschichte! Ausführliche und konkrete Belege und Beispiele aus ganz Deutschland zu diesem kurzen Text finden Sie in meinem Dorfbuch: Gerhard Henkel: Landleben in Deutschland – gestern und heute. 344 S. Mit über 300 Abbildungen und Graphiken, Übersichtskarte, Orts- und Sachregister. Theiss Verlag. Stuttgart 2012. Zu meiner Homepage Prof. Dr. Gerhard Henkel befasst sich seit 45 Jahren mit der Entwicklung des ländlichen Raums. Er gründete den interdisziplinären Arbeitskreis Dorfentwicklung und ist Autor mehrerer Standardwerke (jüngste Publikation: "Das Dorf"). Henkel gilt als "Anwalt des Dorfes" und "Dorfpapst". Er lebt seit Kindertagen in dem kleinen Ort Fürstenberg bei Paderborn. Am 20. Februar sendet der Hessische Rundfunk ein Porträt des emeritierten Humangeografen. 
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Christian Schmid / 19.4.2014 / 1:12

Fotograf

Jein ...

Alles über einen Kamm?

Die Diskussion ist zwar schon ein wenig alt, aber mich überrascht, daß "das Dorf" so pauschal gesehen wird. Wie man z.B. einer Bertelsmann-Studie entnehmen kann ist die ländliche Struktur sowohl ökonomisch als auch sozial sehr heterogen. Das deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Während in den Einzugsgebieten von Ballungszentren und inftrastrukturell gut erschlossenen Bereichen die Bevölkerungszahl stabil ist oder steigt nimmt sie in anderen Lagen auf breiter Front ab. z.B. Rückbau und soziale Erosion sind die Folge.

Welches Dorf ist nun gemeint? Das, was gemeinhin (und evtl.auch ein bisschen sozialromantisch) als Dorf existierte ist heute weitgehend passé. Hier wird eine Schere aufgehen, von der ich sage: ja, das Dorf wird wieder kommen. Aber nur manchen Orten.

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Lorenz Brugger / 22.4.2014 / 15:45

Nein ...

Nun ja, da die Frage relativ pauschalisierend ist, sind auch die Antworten eher darauf bedacht, eine allgemeine Gültigkeit zu haben. Natürlich wäre es an der Zeit über eine neue Definition des Dorfes nachzudenken, vor allem weil sie es auch bereits gesagt haben: Wir haben eine ganz spezielles Bild im Kopf, was für uns "das Dorf" ist. Jedoch sieht die Realität heute wohl vielerorts anders aus. Mich würde an ihrer Aussage interessieren:Welche Form des Dorfes wird Ihrer Meinung nach kommen und an welchen Orten wird es kommen? Und vor allem: warum wird gerade dieses Dorf an diesem Ort sein?
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Monika M. Rösler - PPM AG / 22.4.2014 / 17:07

Jein ...

Hallo Herr Schmid, "Dorf" ... das ist nach meiner Definition der nicht urbane Lebensraum. Mit dieser Definition wird es zukünftig selbst für manche Städt schwierig werden, Urbanität noch darzustellen. Es bleibt - bezogen auf Deutschland - ein Mengen und Verteilungsproblem: immer weniger Menschen auf der gleichen Fläche, aber in individuellsten Ansammlungen bzw. "Ballungen". Die Gründe für diese Ansammlungen werden so vielfältig sein, wie die Anzahl der Beteiligten und die bisherigen kommunalen Strukturen werden an Bürgern nehmen, was sie nur irgendwie bekommen können ...  WIE das dann jeweils heißt, wird nicht ausschlaggebend sein.  
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Ante Ljubas / 22.4.2014 / 18:55

Nein ...

Ergänzend liesse sich noch anfügen, daß spätestens seit Tom Sieverts' Zwischenstadt-Begriffsentwicklung der Versuch einer zugrunde liegenden Definition des erodierenden Kontrasts zwischen urbanem und dörflichen Leben unternommen wird. Und auch früher schon fiel es etlichen Städten schwer Urbanität zu schaffen. Von daher eigentlich grundsätzlich nichts Neues. Wir leben nach wie vor mit dem resultierenden Phänotyp der mobilen Gesellschaft. Und dieses Projekt scheint raumorganisatorisch nicht anders funktionieren zu können/wollen.
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Christian Schmid / 23.4.2014 / 19:25

Jein ...

Einerseits bin ich der Ansicht, daß Herr Henkel bewundernswert fundiert aufgezeigt hat wie die Dinge liegen und seine Einschätzung gut nachzuvollziehen ist.Ich sehe auch, daß wenn man eben die Definitions-Latte" so hoch legt, daß "echtes urbanes Leben" nur an wenigen Orten Deutschlands möglich ist, ein Argumentieren schwierig wird.Mein Gedanke war dieser: wenn man versucht urbanes gegen dörfliches Leben abzugrenzen kann man das sicher auch anhand von Sozialstrukturen tun. Ein Haufen Leute an einem Ort sind nicht automatisch mit urbaner Lebensweise gleich zu setzen, genauso wenig wie wenige Leute an einem Ort mit dörflichem Leben.Im Moment ist es -nach meiner Wahrnehmung- so daß viele, wenn nicht fast alle Bereiche des Lebens monetarisiert gesehen. Es wird zuerst gefragt ob sich dieses oder jenes lohnt. Siehe die Verkäufe mancher Gemeinden von Wohnungsbeständen und Infrastruktur-Einrichtungen an Investoren. Dazu kommt der schrittweise Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge (z.B. Rückzug aus Gasnetzen, demnächst privatisierung des Wassers, Ausdünnung von medizinischer Versorgung und Polizeipräsenz auf dem Lande, schlechter Zustand der Verkehrsinfrastruktur, ganz zu sschweigen von kulturellen Angeboten, etc...)Nun ist meine Meinung: dort, wo es wirtschaftlich opportun ist zu Wohnen werden Dörfer und kleine Ortschaften bleiben und wachsen. Der Rest steht vor dem Problem der Landflucht und des Rückbaus.Und, was ich auch für möglich halten würde - und was ich mir wünsche: daß es Gemeinden gibt, die nicht nur so heißen, sondern sich wieder darauf besinnen, daß man zusammen lebt und eine robuste, starke soziale Struktur haben. Die wird sicher anders aus sehen als die aus dem 19. Jahrhundert mit Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister- aber in einigen Gemeinden sieht man schon solche Tendenzen- und ich hoffe, es werden mehr.Abeer eine Renaissance auf breiter Front? ich glaube jetzt noch nicht.
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Ante Ljubas / 23.4.2014 / 20:57

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Das Projekt "Stadt" ist schon mit der Schleifung von Stadtmauern in eine immer dominierendere Monetarisierung der Lebensverhältnisse übergegangen: die Industrialisierung, die das rapide und unkontrollierte Stadtwachstum erst ermöglichte. Man sollte aber auch bedenken, daß mit der bis dahin wirksamen Kontrollform des Stadtwachstums durch z.B. die Beisaßensteuer, welche die unterste Nicht-Bürger-Schicht bis an die Grenzen der Belastbarkeit für eine Aufenthaltserlaubnis auspresste, auch schon ein Regulativ da war. Die Veränderung der Arbeitsformen erforderte jedoch die Beseitigung dieses Ausschlußmechanismus, um die damit zusammenhängende Monetarisierung in großem Maßstab in Gang zu setzen. Damit war dann auch die Zeit der großen Infrastrukturprojekte gekommen, die sich natürlich dem damals dominierenden Verkehrsträgern widmete: Schiff und Eisenbahn. Bis heute haben wir eine Situation erzeugt, die auch immer wieder mit einer effizienzdominierten Straffung wirtschaftlicher Zusammenhänge Sozialstrukturen gleichermaßen am Leben erhält wie auch an die normativen Grenzen guten Zusammenlebens führt. Heute bewegen wir uns wieder - wenn man den Statistiken und Medien glauben schenken mag - in eine ähnliche Finanzsituation der schwächeren Schichten. Dies arbeitet dem auf der Wirtschaftsform aufbauenden Prinzip der mobilen Gesellschaft entgegen und wird nur in den durch ÖPNV gut erschlossenen Regionen gemildert und führt mancherorts sogar zu einer Übervorteilung einzelner Verkehrsträger, was den Bürger dann doch hin und wieder erfreuen mag. Denn hat man die Wahl, kann man auch so etwas wie Freiheit empfinden. So wird denn auch die Sozialstruktur genau diesen Mechanismen unterworfen und entspinnt damit mancherorts ihr Schattendasein als auch ihre Prosperität. Die Pole Stadt gleich Isolation und Dorf gleich gute Nachbarschaft sind mir dabei etwas zu scharf gezeichnet. Neudörflicher Zusammenhalt wird sicherlich in Agglomerationsräumen Bestand haben und sogar Keimzelle weiteren Wachstums darstellen, um auf noch längere Sicht in Metropolenregionen aufzugehen. So zumindest die Raumprognose der Satistiker. Übrigens mit einem starken Anstieg der Wohnform Single-Appartment. Wie das dann mit dem Dorf zusammen geht, kann man sich dann mal im Stillen ausmalen. Jedoch ist die Idee der Metropole ja auch keine Geburt der Wirtschaftswunderjahre, sondern schon über 100 Jahre alt! Mit Anfängen in gemeindeübergreifenden Kooperationsformen wie den Zweckverbänden. Berlin war dabei z.B. verunfallt und wurde frühzeitig Groß-Berlin. Wie sich damals wohl die umliegenden Dörfer gefühlt haben mögen? In Frankfurt denke ich dabei an das Dorf Bornheim, heute ein Quell urbanen Zusammenlebens. So ist das eben mit dem Wachstum! Alles andere ist nur Dorfmarketing einer an Großstädte angebundenen Region!_
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Lorenz Brugger / 24.4.2014 / 11:54

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ich glaube ja, dass es so einfach nicht ist. Alles auf wirtschaftliche Verhältnisse herunter zu brechen ist ja ein kapitalistisches Denk- und Handlungsprinzip, das von vielen heute in Frage gestellt wird. Eigentlich habe ich das Gefühl, dass es heute eher wieder in eine andere Richtung gehen könnte. Dörfliches Leben hat heute vielerorts mit einer Überzeugung zu tun: die Überzeugung, dass ein Leben auf dem Land langfristig gesehen wesentlich erstrebenswerter ist, als die Schnellebigkeit der Stadt ertragen zu müssen. Diese Überzeugung kommt nicht aus einem monetären Verständniss der Welt heraus. Genau diese Idealisten sind es oft, die den Impuls geben für eine neuerliche Entwicklung eines ländlichen Ortes. Sie lösen zwar kein grundsätzliches Problem, jedoch zeigen sie Alternativen auf, was für stark schrumpfende, desillusionierte ländliche Orte Hoffnungsschimmer darstellen können und somit als Impulsgeber funktioneren können, ohne dabei an wirtschaftliche Interessen geknüpft zu sein.  Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt mich auf folgendes schliessen: wenn man rein wirtschaftlich denken und handeln würde, wären heute schon wesentlich größere Landstriche in Europa dem Verfall preis gegeben worden. Die Förderprogramme vieler europäischer Staaten und der EU oben drauf sorgen dafür, dass so einige ländliche Regionen überhaupt noch überleben, und das ist mit wirtschaftlicher Vernunft nicht zu erklären. Diese Orte verschlingen Geld, ohne dass dabei ein wirtschaftlicher Vorteil entsteht, Bergbauern werden unterstützt obwohl sie nicht ansatzweise wirtschaftlich konkurrenzfähig arbeiten können, Milchbauern werden subventioniert, weil man ansonsten vielleicht die Milch aus den ehemaligen Ostländern oder sogar von noch weiter her importieren müsste, was wirtschaftlich gesehen wahrscheinlich billiger wäre, aber der Bevölkerung nur schwer vermittelbar wäre. Tatsache ist, dass die Regierungen in Europa Geld in ländliche Regionen pumpen, um sie oft auf Teufel komm raus zu erhalten, ohne sich darüber im Klaren zu sein, ob es tatsächlich Sinn macht oder nicht. Würde man von heute auf morgen dieses Geld nicht mehr "investieren", ich würde darauf wetten, dass die Landflucht in einem noch viel dramatischeren Ausmaß auftreten würde, und das auch in Regionen, wo man es eigentlich nicht erwarten würde. Viele ländliche Regionen leben heute von Subventionen und nicht, weil sie wirtschaftlich erfolgreich sind.  Auf der anderen Seite: wenn man sich allein aufs Wohnen konzentrieren würde, dann sieht man heute bereits, was mit solchen Orten passiert: Die Vororte der Metropolen wurden zu Schlafstädten, die an keiner Ecke mehr ländlich sind, abgelegene Räume werden zu stehen gebliebenen, Disneyland-artigen Strukturen, die keinerlei Bezug mehr zu ihrer Umgebung aufweisen. Die hübsch restaurierten, teils oder komplett umfunktionierten Gebäude aus einer anderen Zeit sind die tragischen Zeugen, wie sich aus einem lebendigen Ort ein Geisterdorf entwickelt hat. Hier entsteht kein neues Landleben.
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Monika M. Rösler - PPM AG / 25.4.2014 / 1:24

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Ich kann Sie - Herr Brugger - durch ein aktuelles Beispiel in Ihren Ausführungen unterstützen: Habe heute Nachmittag einen Aussiedlerhof besucht - nur 25 Min. von Darmstadt (vorderer Odenwald), zu dem ca. 50.000 m² landwirtscahftliche Fläche gehören. Die Eigentümer - in den frühen sechzigern ihres Lebensalters - haben die Landwirtschaft vor ca. 10 Jahren eingestellt, die Viehhaltung bereits vor ca. 20 Jahren und können nun aus Alters-u.Gesundheitsgründen nicht viel länger auf dem Hof leben. Ihre erwachsenen Kinder sind bereits seit 2 Jahren in die Stadt umgesiedelt, wollen mit dem Hof "nichts zu tun haben". Die landwirtschaftlich bewirtschaftete Fläche wird aller Wahrscheinlichkeit von einem noch als Vollerwerbslandwirt Tätigen angekauft werden, der natürlich kein Interesse an den Gebäuden hat. (Die Anzahl der Bauern geht ständig und deutlich zurück, parallel wächst die bewirtschaftete Fläche pro Hof rasant, es kommt zu Kolchose-artigen Dimensionen mit vorwiegend konventionell und intensiv bewirtschafteten Flächen).Uns - als Immobilienberater -  fällt die Aufgabe zu, vornehmlich für den Gebäudepart einen neuen Eigentümer zu finden, was - trotz der sehr reizvollen Lage - nicht einfach werden wird, denn in dem Moment, wo es tatsächlich gelingt, einen Kaufinteressenten zu finden, schränken eine große Anzahl von Vorgaben und Bestimmungen eine variierte Nutzung ein bzw. machen diese unmöglich. Die herrschenden Gesetze schreiben quasi vor, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Das Errichten eines Reitplatzes beispielsweise - obwohl reichlich Fläche vorhanden ist - ist nicht gestattet. Das bedeutet: selbst die Enthusiasten, denen ein Leben auf dem Land erstrebenswert erscheint, werden ganz schnell so ausgebremst, dass sie dann doch von ihrem Vorhaben ablassen.Das geschilderte Beispiel ist leider keine Ausnahme, sondern die Regel. Die Frage, die sich stellt: wer profitiert eigentlich davon, dass wir den nicht urbanen Raum "aktiv" vor sich hinsterben lassen?
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Lorenz Brugger / 25.4.2014 / 11:32

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Im Endeffekt sagen sie es bereits Frau Rösler: es profitieren die Großbauern bzw. sind das ja heute nichts anderes als Großunternehmer, die auf Profitoptimierung und -maximierung aus sind. Sie können sich durch den demografischen Wandel und die Landflucht, was in Kombination alleine schon verheerend ist, immer mehr Flächen aneignen und somit ihren Umsatz stetig steigern. Dadurch gibt es immer weniger Bauern mit immer größeren Bewirtschaftunsgflächen und immer weniger Konkurrenz. In den USA ist es ja bereits so, Großbauern müsste man dort ja eher als Mega-Bauern o.ä. bezeichnen. Es führt zur Ausdünnung der Bevölkerung und zu einer konsequenten Monokultur, wenn alleine die Profitmaximierung zählt (was für den Bauern oft der einzige Weg ist, um überhaupt einen Profit zu erwirtschaften)... Ein Teufelskreis. Die EU wird mit ihren Saatgutvorschriften in Zukunft die Situation womöglich noch verschärfen! Diese Einschränkungen in der Nutzung kann ich eigentlich recht gut nachvollziehen, auch wenn sie heute in vielen Fällen als unangebracht anzusehen sind. Ich kenne da ein noch viel extremeres Phänomen, das dadurch an Aktualität gewinnt: die geschlossenen Höfe in Tirol und Südtirol. Aus einem wirtschaftlichen Nachteil, dass nämlich eine Teilung und Verkleinerung einer bewirtschaftbaren Fläche zu einer Ertrags-Minderung führt, wurden in Tirol bereits im 15. Jahrhundert Realteilungen verboten. Bis heute hat sich dieses Gesetz, trotz zeitweiliger Abschaffung, in abgeänderter Form erhalten. In Südtirol besagt es heute folgendes:- In der Regel handelt es sich um landwirtschaftliche Grundstücke mit den dazugehörigen landwirtschaftlichen Gebäuden. Diese müssen auch als solche genutzt werden.- Der geschlossene Hof ist auf jeden Fall - auch im Erbwege - unteilbar.- Grundsätzlich muss der Hof die Möglichkeit bieten, einen Jahresdurchschnittsertrag zu erwirtschaften, der einen angemessenen Unterhalt einer bäuerlichen Familie von mindestens vier Personen gewährleistet, wobei das Dreifache eines solchen Ertrages nicht überschritten werden darf.Im Jahr 2000 gab es etwa 25000 landwirtschaftliche Betriebe in Südtirol, ca. 12500 davon sind als geschlossene Höfe eingetragen. In Südtirol hat dieses Gesetz dazu geführt, dass die alten Hofstrukturen inklusive ihrer dazugehörigen Flächen weitestgehend erhalten geblieben sind, das Land hat aber auch eine landwirtschaftliche Tradition und Identität, die sehr stark dazu beitragen, dass die Landwirtschaft gepflegt und gelebt wird. Daneben muss man sagen, dass auch die Südtiroler Bauern massiv subventioniert werden. Aber das Prinzip Geschlossener Hof funktioniert noch heute und schreibt eine geschichtliche Tradition fort.  Ich denke, dass die Veränderung des ländlichen Raumes durchaus gesteuert werden kann und muss. So wie es früher wichtig war, dass ein Hof genug Ertrag für den Erhalt einer Familie erwirtschaften kann, ist es heute wichtig, flexibel und dynamisch auf Veränderungen reagieren zu können. Wenn eine Nutzung keinen Erfolg bringt, muss vielleicht über eine Nutzungsänderung schnell und effektiv nachgedacht werden. So können vielleicht manche Kulturdenkmäler aus der Landwirtschaft doch erhalten werden, manche Flächen umgewidmet werden und der Monokultur Grenzen gesetzt werden. Und hier schliesst sich der Kreis zu Ihnen, Herr Schmid, denn die Gemeinden und Behörden sind es, die weder flexibel noch schnell agieren. Bebauungspläne zu ändern dauert viel zu lange, FNPs sind oft extrem veraltet, in ländlichen Regionen flächenhaft noch nicht einmal digitalisiert...kein Wunder dass hier nix vorwärts geht. Es fehlt das Personal und die finanziellen Mittel. Der Staat gibt lieber anderswo Geld aus. Der Staat im Allgemeinen hinkt der Entwicklung hinterher, wir müssen uns nur mal anschauen, wo in Deutschland High-Speed-Internet zur Verfügung steht: das Land ist hier gewaltig langsam unterwegs, während die Metropolregionen natürlich auf der Höhe der Zeit rangieren.http://www.zukunft-breitband.de/Breitband/DE/Breitbandatlas/BreitbandVorOrt/breitband-vor-ort_node.html Doch gerade die Gemeinden sind es, die am Drücker sitzen, sie haben die Instrumente in der Hand und könnten, wenn sie denn wollten und nicht immer so extrem politisch beeinflusst wären, viel schneller und effektiver arbeiten, viel konkreter Probleme angehen und sie lösen. Das große Problem, wie bereits in der Diskussion schon mal erwähnt: Politiker scheuen die Konfrontation mit ihren Wählern, denn in absehbarer Zeit ist wieder Wahlkampf und man will schliesslich an der Macht bleiben. Also belassen wir lieber alles beim Alten...
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Monika M. Rösler - PPM AG / 25.4.2014 / 11:59

Jein ...

Sie haben meine uneingeschränkte Zustimmung, lieber Herr Brugger ... sozusagen. wiederholt! Das Zunehmen der Monokulturen geht einher mit immer stärkerer Bevormundung und Entmündigung der noch existierenden Bauern und das, was da auf auf uns zukommt, ist mehr als beängstigend (Stichwort Saatgutkontrolle und -manipulation, Intensiveinsatz von Manipulationsfaktoren - Stichwort Pestizide, Insektizide, Kunstdünger, genetische Infiltratoren etc.) und wird unser aller Lebensgrundlage extrem fragil werden lassen. Die Abhängigkeiten, die hier bereits impliziert wurden, sind in ihren zukünftigen Auswirkungen weder überschaubar, noch werden sie sich als "unbedenklich" in Luft auflösen.Der "Staat" sieht weg, klammert sich an kleine und kleingläubige Auslegungen von Vorschriften und Gesetzen, die mehrheitlich deshalb nicht mehr stimmen, weil sie für Situationen gemacht und gedacht waren, die längst nicht mehr existieren. Wir steuern nicht, sondern tapsen rückwärts gerichtet "voran". Es gibr aber unstreitig "Kräfte", die anders agieren und damit Fakten schaffen, die sich unmittelbar auf jeden Menschen so auswirken, dass er sich dieser Wirkung weder entziehen kann, noch dass er ausweichen könnte. Dazwischen ist eine Gruppe von Menschen positioniert, die - da sie unmittelbar oder mittelbar mit ihrer Arbeit vom Staat direkt abhängig sind - versuchen, ihren Job irgendwie zu bewältigen. Das führt dann oft zu bizarren Phänomenen im Alltag, wo man sieht, dass der Einzelne teilweise Vorschriften bereits verteidigt, die er selbst nicht so vollständig durchblickt. Wir erleben das öfter, dass eine Anfrage, die sich ein klein wenig vom Standard abhebt, sofort auf heftigste Resonanz und Abwehr stößt. Angst steuert die Menschen an ihrem Arbeitsplatz mehr, als Freude. Für den einzelnen habe ich volles Verständnis, für die größeren Zusammenhänge ist meine Toleranz sehr gering geworden. Für den Moment kann es nur bedeutetn, jeder, der diese ungute Entwicklung spürt, zu erkennen meint oder sonst irgendwie ein Störgefühl entwickelt, kann in seiner alltäglichen Arbeit versuchen, sich immer wieder zu verdeutlichen, wohin die Reise "eigentlich" gehen muss, damit die Grundrechte gesichert werden. Ohne Konflikt-Kompetenz lässt sich das nicht bewerkstelligen und hier ist es auch unerlässlich, sich aus einer rein fachlichen Sichtweise zu lösen und die größeren Zusammenhänge zu erkennen. Da liegt viel Arbeit vor uns allen .... 
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Ante Ljubas / 25.4.2014 / 13:23

Nein ...

Jetzt bin ich schon einigermaßen überrascht, daß wirtschaftliche Zusammenhänge dann doch als so dominierend empfunden werden, obwohl man die eigene oder unternehmerische Entschlußkraft gerne in den romantischen Dorfschein gestellt hätte. Ich finde die Ausführungen hoch eloquent und stimme zu, daß der Teufel im Detail steckt. Jedoch bin ich der Meinung, daß die Instrumente Dinge bauleitplanerisch anders herum zu wenden, schon existieren. Vorhabenbezogene Bebauungspläne und die dazu notwendigen Durchführungsverträge werden aus welchen Gründen auch immer nur selten angewandt, bieten aber die Möglichkeit im Ermessensspielraum eines Entwicklungsgebots, Ausnahmewege zu beschreiten, die nicht immer hundertprozentig konform zu einem existierenden FNP sein müssen. Alternativ bleiben auch Planungsmöglichkeiten ohne FNP oder als paralleler bzw. vorgezogener Bebauungsplan. Die Änderung wird aber wohl eher die Regel sein. Und auch diese ist Gemeinderatsbeschluß. Wenn dort Starrheit herrscht, ja dann bewegt sich eben nichts. Woran man aber sicherlich arbeiten kann, ist das Verfahrenstempo, die anteiligen Verfahrenskosten und der diesbzgl. Informationsfluß in der Öffentlichkeit, damit mehr Menschen Möglichkeiten erkennen. Trotzdem sehe ich dabei keine Stadtflucht auf uns zu kommen.
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Christian Schmid / 25.4.2014 / 15:46

Jein ...

Ich bin ja kein Fachmann was Verwaltung, Raumplanung und/oder Architektur angeht. Ich interessiere mich seit längerem für Architektur in jeder Ausprägung und beanspruche für mich ein solides, gefährliches Halbwissen.

Nur: durch meinen Beruf sehe ich sehr viel unterschiedliche (Lebens)Räume in der Stadt und auf dem Land. Und bekomme hier und da Einblick in die Sachlage vor Ort. Immer wieder zeigt sich, daß Gemeinden, die gut geführt sind und über Geld selbst(!) verfügen können aufblühen.

Gemeinden, die (nur?!?) gut geführt sind tun sich schwer. Das ist die Konsequenz aus den von Herrn Brugger genannten Einschränkungen- vielfach sind ihnen aus Kostengründen die Hände gebunden.

Ähnlich sieht es bei privatwirtschaftlich bereit gestellten Dienstleistungen wie dem Telefonnetz oder der Post aus. Dort wird auch nach Unternehmenserfolg entschieden. Und der wird in Euros gemessen.

Natürlich wäre mir lieber, daß die ökonomische Seite nicht so dominant wäre. Aber schon die große Einnahmequelle der Gemeinden, die Gewerbesteuer, zeigt, daß sich die Gemeinden den Firmen gegenüber dienstbar zeigen müssen. Vielleicht liegt dort der Webfehler?

Was mich vor dem Hintergrund von Herrn Bruggers Ausführungen mal fragen wollte: gibt es eigentlich ein Forum, in dem man z.B. soziale Vorhaben projektieren (z.B. Förderung des Ehrenamtes, von Vereinen, usw.) und zielgerichtet eine Gesetzeslage dafür schaffen kann?

Der Unterschied zwischen deutschem und südtiroler Modell ist ja frappierend. Nur müssten dann natürlich Gemeinden, Bezirke, etc. an einem Strang ziehen.

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Ante Ljubas / 26.4.2014 / 16:24

Nein ...

http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Raumbeobachtung/AktuelleErgebnisse/Stadtentwicklung/kassenkredite/kassenkredite.html?nn=442182 Der Webfehler ist keiner, da wir faktisch mit der Philosophie der Steuergeschenke die seit der Euroeinführung galoppierende Kostenentwicklung (wer bestimmt die Preise?) nie einholen werden können. So bluten und zerfleischen sich eben Bund, Länder, Städte und Gemeinden über LFA und KFA, während der Finanzmarkt sich die Hände reibt. Die nächste Welle türmt sich übrigens gerade wieder auf, um weiter an versteckter Inflation zu wirken. Ob das die Stellung der Dorfgemeinschaften stärkt, wage ich zu bezweifeln. Aber wir haben ja schon mehrfach festgestellt, daß die Renaissance in individueller Hand liegt.Zur Entwicklung und Quotierung des Steueraufkommens:http://de.wikipedia.org/wiki/Steueraufkommen_(Deutschland)Exemplarische Fallbetrachtung zu Hessens Kommunen mit vielen bundesweiten Vergleichen (hochinteressant):http://gemeinden-hessen.verdi.de/finanzen-der-kommunen/data/Kommunalfinanzen_Hessen_2012.pdf Analyse zur Neuordnung des KFA in Hessen 2016:http://www.hess-staedtetag.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&file=fileadmin/user_upload/Downloads/Analyse_20131021.pdf&t=1398629552&hash=9863538e73ea6b3856ef49fc1e5e8f4eed1e9c20 Viele vom DStGB grafisch aufbereitete Daten des Bundes:http://www.dstgb.de/dstgb/Home/Daten%20&%20Fakten/Aktuelle%20DStGB-Infografiken%20zu%20kommunalrelevanten%20Themen/ Zur nächsten, die Finanzmärkte bedrohenden Immobilienblase (USA):http://www.monde-diplomatique.de/pm/2014/04/11.mondeText1.artikel,a0007.idx,0Eines von vielen Beispielen über den Einfluß der Renditeerwartung auf die Preisbestimmung und -entwicklung:http://www.brandeins.de/archiv/2011/rechnen/angenommen-die-mieten-steigen.html
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