"Sollen wir den ländlichen Raum aufgeben?"

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Ländlicher Raum, Demographie

Foto:Uta Rauser

 

Zu Weihnachten werden wieder viele Großstädter für wenige Tage in ihre Heimatdörfer und Kleinstädte zurückkehren. Viele von diesen Stadtflüchtigen wird die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land befallen. Im Einklang mit der Natur leben, Entschleunigung, Autarkie und Gemeinschaft sind hier die Stichworte, die an Aussteigermotive früherer Generationen erinnern. Und falls einem doch einmal die Decke auf den Kopf fallen sollte, gibt es heute noch das Internet zum Aufrechterhalten von sozialen Kontakte und ortsunabhängiger Arbeit.

Spätestens beim Blick auf die Zahlen geht diese Sehnsuchtsoase jäh unter, denn das Land entleert sich mit immer schwerwiegenderen ökonomischen Konsequenzen: Mehr als die Hälfte der ländlichen Gemeinden in Ostdeutschland haben in den letzten Jahren über fünf Prozent ihrer Bevölkerung eingebüßt, so eine Studie des Berlin-Insituts. Manche Dörfer sind gar in ihrem Bestand gefährdet. Im Gegenzug sind einige Metropolregionen starkem Wachstumsdruck ausgesetzt.

Als Folge davon muss für immer weniger und immer ältere Menschen in ländlichen Regionen mit immer geringeren Einnahmen die kommunale Infrastruktur am laufen gehalten werden. Das betrifft den öffentlichen Nahverkehr, Bildungseinrichtungen, medizinische Versorgung, Kanalisation etc. Und selbst das Internet ist auf dem Land langsamer, weil es an nötigen Datenkabeln fehlt. Und auch die Verteuerung der Benzinpreise trägt dazu bei, dass das Leben auf dem Land pro Kopf immer teurer wird.

Die Erosion der ländlichen Infrastruktur führt am Ende auch zu einer massiven Abwertung privater Immobilien. Dadurch implodiert die einst sichere Altersvorsorge der Großstadtyuppies – denn das Haus, das sie einmal von ihren Eltnern erben werden, wird sich womöglich nicht mehr verkaufen oder vermieten lassen. Dies wurde kürzlich im Spiegel am Beispiel am Beispiel von Cuxhaven-Altenwalde ausgeführt. In vielen Einfamilienhausgebiete der 60er Jahre werden leerstehende Häuser zur Normalität werden.

Dieses strukturelle Zerbröckeln stellt die bisher geltende politische Doktrin, Stadt und Land gleich zu behandeln, grundsätzlich in Frage. Bereits heute stellen einige Bundesländer ihre Förderpolitik vom Gießkannenprinzip auf das Leuchtturmprinzip um. Nach Abschaffung der Eigenheimzulage scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Pendlerpauschale fällt. Spätestens dann kann sich niemand mehr das Landleben billig lügen. Zwar fließen zur Zeit immer noch Fördermittel in Richtung Land, jedoch drängt sich die Frage auf, ob diese Mittel nicht dringend in Ballungszentren investiert werden müssten. Denn auch dort ist die Infrastruktur unterversorgt (Kitaplätzemangel, maroder öffentlicher Nahverkehr, schlechtes Schulsystem, aus den Nähten platzende Universitäten, Mangel an bezahlbarem Wohnraum etc.) – nur sind dort ungleich viel mehr Menschen davon betroffen.

Wie lange wollen wir uns noch den fragwürdigen Luxus leisten, den ländlichen Raum mit immer aufwendigeren Mitteln am Leben zu halten? Müssten wir nicht viel eher die nachaltige, verdichtete Lebensform Stadt fördern? Mit anderen Worten: Sollen wir den ländlichen Raum aufgeben?

 

Florian Stocker / 5.2.2013 / 9:04

Architekt, Remshalden

Nein ...

Frage des Montas September 2007 >>> Entsteht Redundanz auf den städtischen Entwicklungsachsen oder im Hinterland? Wo wird das innovative Ei gelegt, bebrütet, wo wird geschlüpft? Florian Stocker, geb. 1967, schloss 1995 sein Architektur und Designstudium an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart ab und absolvierte ein Aufbaustudium zum M.Sc. mit Schwerpunkt Architekturtheorie in Boston am M.I.T. und an der Harvard University im Rahmen eines DAAD Stipendiums, danach war er Teilnehmer der Masterclass mit Steven Holl am Berlage Institute in Amsterdam. Er war in der Lehre an der Universität Karlsruhe und am Massachusetts Institute of Technology tätig. Seit dem Jahr 2000 leitet er ein Architekturbüro in Remshalden bei Stuttgart. Im Jahr 2011 wurde er in den BDA berufen. Neben seiner Tätigkeit als Architekt, betreibt er seit 2004 das Internetforum "Frage des Monats" das Fragen zur Architekturtheorie stellt.www.atelier-stocker.de/theorie.html
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Wolfgang Kil / 13.12.2012 / 9:41

Architekturkritiker und Publizist, Berlin

Nein ...

Im ländlichen Raum finden momentan die folgenreichsten Veränderungen unserer gesamten Lebensumwelt statt. In erster Linie denkt man da heutzutage an die massiven Auswirkungen alternativer Energieproduktion – Windkraft und Solaranlagen oder den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen. Doch auch darüber hinaus wird sich das Ende des klassischen Industriezeitalters gravierend auf alle Gesellschaftsbereiche auswirken: Wo sich Wirtschaftsstrukturen ändern, strukturieren sich die dazugehörigen Räume neu. Wie an den Verwerfungen der ostdeutschen Deindustrialisierung anschaulich wurde, organisiert die Globalisierung nicht nur Waren- und Finanzströme neu, sie erzeugt auch neue Peripherien. Neue Kraftzentren und Innovationskerne bilden sich heraus, neue Hinterhöfe entstehen. Wohin dabei die Reise geht, wie eine „Neue Welt“ einmal aussehen könnte, davon gibt es nicht mal vage Vorstellungen. Aber genau deshalb darf das vom Wandel besonders stark betroffene „Hinterland“ nicht aus der Aufmerksamkeit verschwinden, mehr noch: es darf nicht aus gesellschaftlicher Kontrolle entlassen werden. Die Risiken eines unkontrollierten Wandels, eines Laissez faire sind viel zu groß!Denn auch wo angeblich nichts geschieht, geschieht ja etwas. Wenn herkömmliche politische Strukturen sich aus peripheren Räumen zurückziehen und man eine immer weniger, älter und absehbar ärmer werdende Restbevölkerung ihrem Schicksal überlässt, bleiben die aufgelassenen Räume ja nicht einfach liegen; sie werden von extremistischen Seelenfängern übernommen. Gegen deren rigides Regiment einer „alternativen Zivilgesellschaft“ ist dann mit reinen Empörungsgesten kaum anzukommen.Andere, tief einschneidende Veränderungen bringt die Umstellung agrarischer Strukturen auf Massenproduktion und Energiewirtschaft mit sich. Die seit Beginn der Schrumpfungsdebatten vorhergesagte (und dabei von vielen begrüßte) Verwilderung weiter Landschaftsteile wird nicht stattfinden. Während Naturfreunde auf die Rückkehr von Wolf und Elch warteten, hat sich hinter ihren Rücken die große Wende zur Reindustrialisierung vollzogen, wurden (und werden weiterhin) riesige Flächen unter neuen Großakteuren aufgeteilt und einem historisch beispiellosen Verwertungsregime unterworfen. Das krasse Tempo, in welchem sich diese Prozesse vollziehen, lassen es fraglich erscheinen, ob heute überhaupt noch Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten in diesem fundamentalen Wandel bestehen, oder ob nicht auch hier – wie beim Versagen des globalen Klimaschutzes – es fortan nur noch um Anpassungsstrategien an die Folgen einmal entfesselter Verhältnisse gehen kann.Eine Debatte um Fürsorge oder Aufgabe ländlicher Räume sollte sich nicht bei den Immobilienpreisen leerlaufender Pendlersiedlungen oder Einödgemeinden aufhalten. DEN ländlichen Raum gibt es nicht. Wie zwischen boomenden und schrumpfenden Städten muss man zwischen privilegierten und chancenärmeren Landschaften unterscheiden. Aber selbst wenn Sozialwissenschaftler einen Rückkehr-Trend in die Städte nachweisen, bleiben die gegen den Trend „da draußen“ ausharrenden Menschen eine in vielerlei Hinsicht zu berücksichtigende Größe. Nicht zuletzt sollten wir Städter ihnen dankbar dafür sein, dass sie, oft genug unter erschwerten Bedingungen, sozusagen als „Nachbarn übern Zaun“ ein Auge auf jene vielfältigen Transformationen haben, die als Zukunftsrisiken das Konfliktpotenzial sich wandelnder Städte wahrscheinlich noch übersteigen. Wolfgang Kil, geb. 1948, ist Architekt, freier Kritiker und Publizist in Berlin. Nach dem Studium in Weimar war er Projektant im Wohnungsbaukombinat Berlin, 1978-82 Chefredakteur der Zeitschrift „Farbe und Raum“, danach freier Autor und Kurator und 1992-94 Redakteur bei der „Bauwelt“. Seitdem ist er wieder freiberuflich als Publizist mit Arbeitsschwerpunkten DDR-Baugeschichte, demografischer Wandel, Stadtumbau und Bauen in Osteuropa tätig. Zahlreiche eigene Bücher, darunter „Luxus der Leere“ (2004) und „Das Wunder von Leinefelde“ (2007). 1997 erhielt er den Kritikerpreis des BDA.
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Prof. Xaver Egger / 9.12.2012 / 2:10

SEHW Architektur Berlin und Hochschule Bochum

Jein ...

"Burning down the house" sangen die Talking Heads im Jahr 1983. Vordergründig eine eingängige Dancefloorhymne mit Mitsingrefrain, war der Song eine präzise Bestandsaufnahme der Suburbia. Er führte den amerikanischen Markt für Einfamilienhäuser vor und nahm die derzeitige Krise quasi vorweg. Amerika, gerade als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, um sich gleich im Kalten Krieg wiederzufinden, dieses Amerika kreierte für seine Bürger ein idealisiertes Lebensumfeld, in dem die Häuser heimelig waren, die Schulen gut, die Regale in den Läden gefüllt und der Rasen immer akkurat gemäht.Spätestens die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, daß das Lebensgefühl der Suburbia nicht mehr funktioniert in unseren doch sehr fragilen Zeiten. "Burning down the house" ist ein in der Realität verwurzeltes Narrativ, es fokussiert den bedeutenden Effekt, den die Suburbia hatte und immer noch hat auf das Lebensgefühl und zwar nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns: monotone Parzellierung unserer Landschaft, in der durch Erkerchen, Wintergärten, pastelle Farbgebung, aufgemalte Rallyestreifen, gelbe Smiley-Satellitenschüsseln, angeklebten Styroporstuck und vieles mehr aus dem Sortiment der Bau- und Heimwerkermärkte ein Stück Privatheit, ein Stück Individualität in der Masse gesucht wird. Für die einen Lebenstraum, für die anderen scheußlicher Sondermüll.Nein, ich möchte explizit nicht durch den Verweis auf "Burning down the house" dazu anstiften, das Haus Ihres Nachbarn niederzubrennen, aber diese Debatte bei BKult, tut gut, ist schließlich die Debatte über die mögliche Aufgabe des ländlichen Raums auch eine Debatte darüber, wie die Städte aussehen sollen, in denen wir künftig leben werden.Die steingewordene Vereinzelung der Gesellschaft in Form von Einfamilienhäusern führt zur kulturellen Verödung ganzer Landstriche, zur irreversiblen Zersiedlung unserer Landschaft und zur Entmischung unserer Gesellschaft. Angefangen hat das alles vor langer Zeit. Es ging wie so oft um sozialen Status, soziale Segregation. Man hatte es zu etwas gebracht, wenn man nicht mehr nur in der Wohnung wohnt, sondern im eigenen Haus. Und von Seiten des Staates wurde dies nicht nur legitimiert, sondern durch die Eigenheimzulage auch lange alimentiert: Man hat es sich verdient. Und das Schlimmste daran: Im europäischen Durchschnitt sind wir das Land mit der niedrigsten Eigentumsquote. Deutschland - ein Mieterland.Doch vielleicht bietet ja sogar der neue Wohnungsmangel in Deutschland die Chance, zukunftsfähige und zukunftsweisende Projekte zu initiieren. Aktuellen und übereinstimmenden Studien mehrerer Institute zufolge müssten jährlich etwa 140.000 Mietwohnungen gebaut werden, was knapp der Hälfte des prognostizierten Bedarfs an neuem Wohnraum insgesamt entspricht. Die größten Mängel bestehen dabei in den Ballungszentren der Großstädte. Allenthalben wird von der Renaissance der Stadt gesprochen, die Menschen wollen wieder in den Innenstädten wohnen mit ihrer Attraktivität, ihren kulturellen Angeboten, Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten sowie der dichten Versorgung mit Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Heute leben ca. 75% der deutschen Bevölkerung in den Städten und nur mehr 25% auf dem Land, Tendenz weiter steigend. Damit liegt der Verstädterungsgrad in Deutschland wesentlich über dem weltweiten Durchschnitt. Die elf Agglomerationsräume mit mehr als einer Million Einwohnern zählen allein rund 26 Millionen Menschen. Verstädterung ist somit nicht nur ein Thema in den rasant wachsenden Metropolen Asiens, Afrikas und Südamerikas, sondern auch in Deutschland. Oder anders gesagt: Wir sind schon mittendrin, den ländlichen Raum aufzugeben. Der demographische Wandel mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft und extrem gestiegene Mobilitätskosten sorgen dafür, dass der Urbanisierungsgrad wieder steigt, es sozusagen zu einer Reurbanisierung kommt. Dies wird zwangsläufig zu einer Segregation des Marktes führen und zu einem Wertverfall auf dem Land. München als Paradies der Real Estate Szene mit astronomischen Quadratmeterpreisen und hohen Renditen fordert vom bayerische Hinterland einen hohen Tribut, indem es ganze Landstriche förmlich menschenleer zurückläßt.Was wir brauchen, ist nicht ländlicher Raum am Tropf, sondern ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel, was das Thema Wohnen insgesamt betrifft, das Zurück zu einem sozialen Miteinander. Wir brauchen einen an den ökonomischen Möglichkeiten orientierten Wohnungsbau, der durch Mischung von gefördertem Wohnungsbau und frei finanziertem Wohnungsbau, durch unterschiedlichen Typologien und unterschiedliches Wohnungsangebot der sozialen Entmischung entgegenwirkt - gelebte Nachbarschaft als Ersatz für die nicht mehr existente Großfamilie, die lebendige Mischung gewachsener Quartiere für soziale Nachhaltigkeit.Bauen ist so günstig wie nie und wird durch Bodenspekulation so teuer wie nie. Hier müssen wir ansetzen und zumindest bestimmte Flächen dem Markt entziehen. Es ist ausgerechnet Stuttgart, das im Rahmen der Auseinandersetzung um Stuttgart 21 einen Teil der begehrten freiwerdenden innerstädtischen Flächen der Spekulation entzogen hat, die Kapitale der Häuslebauer. Aber eben auch eine seit neuestem grün regierte Kapitale. Die Zeiten ändern sich also doch. Und vielleicht kommen wir so doch wieder von einer Vereinzelung der Gesellschaft zu einer Vergesellschaftung des Einzelnen. Dann von mir aus auch mit Rallyestreifen! Und der ländliche Raum? Das Thema wird sich von selbst erledigen. Die Landbevölkerung ist durch die beschriebenen Tendenzen derzeit schon deutlich älter als die der Stadt und wird es in zwanzig Jahren erst recht sein. Es wird kaum mehr möglich sein, sie zu versorgen, wenn es keine Läden und keine Ärzte mehr gibt und sie im hohen Alter nicht mit Apps für Telemedizin und Onlineshopping zurecht kommt. Und wir werden es dennoch tun. Denn wer will diesen Menschen mitteilen, daß sie zwar zeitlebens Teil dieser Gesellschaft waren, ihren Beitrag dazu geleistet haben und nun müssen sie ihre Heimat aufgeben, möglicherweise auch ihr Eigentum, das nichts mehr wert ist und nicht mehr veräusserbar. Wir werden sie nicht aufgeben, weil es neben der Ratio die moralische Ebene gibt. Und die Politik wird es nicht tun, weil sie wiedergewählt werden möchte.Im Ergebnis also ein entschiedenes Jein.Xaver Egger, geb.1965, hat nach einer Ausbildung zum Tischler an der Fachhochschule München Architektur sowie an der Kunstakademie Düsseldorf ein Jahr Plastisches Gestalten studiert. Seit dem Diplom 1992 ist er selbständig und hat 1996 das Architekturbüro SEHW mitgegründet. Neben seiner Tätigkeit im Büro und seiner Professur an der Hochschule Bochum ist er u. a. Referent im Weiterbildungsprogramm der Architekten- und Ingenieurkammer.
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Patrick Ludes / 7.12.2012 / 11:59

Geographiestudent an der Philipps-Universität Marburg

Jein ...

Aufgeben: Jein.Die Frage zu stellen, ob "der ländliche Raum" aufgegeben werden sollte, trifft nicht den Kern der Problematik und ist klar mit "Nein" zu beantworten. Sehr wohl muss sich die Gesellschaft aber mit dem Gedanken anfreunden, einzelne, unattraktive Orte aufzugeben. Ein "kontrollierter Rückbau" wird wohl unausweichlich werden.Es gibt in ländlichen Räumen eine Vielzahl von Kommunen, die trotz demographischem Wandel und Strukturveränderungen ausgesprochen gute Zukunftsperspektiven haben. Sei es eine gute Verkehrsanbindung, fruchtbare Böden oder erneuerbare Energien: Es wäre schlicht Zynismus, diesen prosperierenden Gemeinden ihre Daseinsberechtigung abzusprechen.Anders sieht es für (Teile von) Kommunen aus, die Abseits von Hauptverkehrsadern liegen, die keine Voraussetzungen für rentable Landwirtschaft oder die Erzeugung nachhaltiger Enerie haben. Im schlimmsten Fall ist die Landschaft dann noch unattraktiv und somit auch für Tourismusentwicklung nicht geeignet. Oftmals sind es doch die Dörfer in genau diesen Gebieten, die auch von der Qualität der Wohnbebauung hinter anderen Dörfern in ländlichen Räumen zurückstehen. Ihren Bevölkerungsschub haben diese Dörfer in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erfahren, es wurde schnell und qualitativ minderwertig gebaut. Die nachfolgende Generation hat, wenn überhaupt, Jahrzehnte später an den Ortsrandlagen gebaut, nicht selten und bis in die 90er Jahre hinein mit ebenso wenig "baukulturellem" Anspruch.In der Ansprache dieser Gebiete muss die Frage erlaubt sein (und gestellt werden), ob es tatsächlich Sinn macht, in jedes dieser Dörfer Energie und Geld zu investieren oder ob zukunftsgerichtetes Handeln nicht darauf gerichtet sein sollte, die Siedlungsentwicklung auf ausgewählte Teile solch einer Kommune zu konzentrieren. Muss denn in jedes dieser Dörfer noch für "teuer Geld" ein Breitbandanschluss gelegt werden, eine Biogasanlage gebaut oder ein Nahwärmenetz finanziert werden, wenn dort schon heute ganze Areale leer stehen, verfallen, nicht zu verkaufen sind? Was könnte mit diesem (nicht nur finanziellen) Aufwand in den zukunftsfähigen Orten der Kommune nicht alles bewirkt werden! Durch eine Konzentration auf ausgewählte Teile einer Kommune könnten dort Anreize geschaffen werden, die einen Zuzug tatächlich wieder attraktiv machen. Mit einem konzentrierten Mitteleinsatz ließe sich Daseinsvorsorge in diesen Orten wieder finanzieren, könnten Kindergärten, Schulen, Gemeinschaftshäuser, Pflegeeinrichtungen etc. nicht nur am Leben gehalten, sondern sogar attraktiver gestaltet werden. Am Ende vielleicht gar so attraktiv, dass es für den verbliebenen Bewohnern der aufzugebenden Dörfer die Entscheidung leichter machen könnte, ihr Dorf irgendwann aufzugeben. Schließlich hat man durch den Verzicht letztlich gemeinsam dazu beigetragen, die Gemeinde, wenn auch in verminderter Größe, am Leben zu halten.Eventuell ergibt sich mit der aktuellen Umstellung der Dorferneuerung auf eine gesamtkommunale Förderkulisse eine Chance, genau diese Richtung zu verfolgen.Eine frühzeitige Debatte darüber, welche Dörfer auch in 50 Jahren noch bewohnt sein sollen und daher schon jetzt Vorrang erhalten sollten, ist allerdings in der Gesellschaft nur schwerlich in Gang zu setzen und es dürfte noch weitaus problematischer werden, diese dann auch nüchtern und sachbezogen zu führen. Ich kann mir kaum einen Politiker vorstellen, der es wagen würde, seine Wiederwahl mit einem solch komplexen, angstbesetzten und heiklen Thema zu riskieren. Hier wären also die Bürger, die Gesellschaft selbst gefordert, im eigenen Interesse Strategien für die Zukunft von ihren Volksvertretern und Entscheidern zu fordern. Solange aber Sparkassen, Baufinanzierer, Medien und Politik die Mär vom Einfamilienhaus-im-Neubaugebiet-Ideal predigen, wird ein solcher Bewusstseinswandel noch lange auf sich warten lassen. Hoffentlich nicht zu lange. Es grüßt,Patrick Ludes aus Marburg(aktuell im Rahmen der Diplomarbeit mit Leerständen und Siedlungsentwicklung befasst) Als Nachtrag sei noch angemerkt, dass die Begrifflichkeit "ländlicher Raum" alleine schon problematisch ist. Es gibt keine anerkannte Definition für _den_ ländlichen Raum, wenn überhaupt, sollte der Plural "ländliche Räume" Verwendung finden, weil dadurch die Vielfalt der Funktionen und der naturräumlichen Gegebenheiten Anerkennung findet.
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Ton Matton / 5.12.2012 / 20:20

Künstler, Wendorf

Jein ...

Vor über 10 Jahren bin ich von Rotterdam nach Mecklenburg umgesiedelt.Es geht nicht darum, den ländlichen Raum aufzugeben, sondern eher darum, den ländlichen Raum "zurück zu emanzipieren". Die Stadt hat das Land doch schon längst eingenommen: wir gucken die gleichen Fernsehprogramme, benutzen das gleiche Internet und fahren die gleichen Autos.Die Argumentation, dass es dem Land schlecht gehe im Bezug auf öffentlichen Nahverkehr, Bildungseinrichtungen, medizinische Versorgung, Kanalisation, langsames Internet usw. stammt von Großstädtern, die meinen, es solle überall alles vorhanden sein.Natürlich gibt es auf dem Land keinen öffentlichen Nahverkehr. Er wurde ja auch für den Fall erfunden, dass viele Leute auf einem Haufen wohnen und man effizient zusammen fahren kann. Diese Situation gibt es auf dem Land aber nicht und ein öffentlicher Nahverkehr wäre deshalb dort auch gar nicht wünschenswert.In Rotterdam hatte ich kein Auto, hier in Wendorf habe ich zwei. Asphaltstraßen braucht man eher nicht, wie die SUV's in der Stadt zeigen. Ein Sandweg lässt sich prima befahren. Es macht sogar Spaß und man sieht ab und zu mal ein Schwein oder ein Reh. Nur wenn man in Eile ist und über 100 Km/h fahren möchte, ist es hier schlecht. Dafür muss man dann in der Stadt bleiben!Die Kanalisation ist auch so ein typisches Problem welches von dichtbesiedelte Gebieten einfach direkt auf das Land übertragen wird. Auf dem Land könnte jeder mit einer Komposttoilette oder Schilffeldern sein Abwasser individuell klären. Dafür ist genug Platz. Es ist sowieso fraglich, weshalb hunderte von Kühen rund um mein Haus herum auf die Wiese machen können, der restliche Mist auf den Maisfeldern ausgefahren wird und ich für mein tägliches Geschäft eine Kanalisation bauen soll?Langsames Internet gibt es übrigens kaum noch. Seit dem das Internet auch auf dem Mobiltelefon läuft, ist die Geschwindigkeit fast vergleichbar. Nur gibt es ab und zu ein Funkloch, aber das kann man auch genießen und als Vorwand nutzen, ein Gespräch auch mal unhöflich zu beenden.Natürlich gibt es die erwähnte Verteuerung. Aber das ist kein Problem von Stadt und Land, sondern eines von arm und reich. Wer sich keine Stadtvilla leisten kann, wohnt in einer Plattenbausiedlung. Aber auf dem Land kann man sein eigenes (bio-fair trade) Gemüse anbauen, glückliche Hühner oder Schweine züchten, noch schnell einen Apfel pflücken und so weiter und so fort. Der Unmut gegen die bestehende Lebensmittelindustrie spiegelt sich in einem neuen Interesse für das Landleben wider. In jeder Großstadt der Welt ist guerillia gardening oder urban farming heute angesagt.Nicht die Frage nach Aufgeben, sondern die Frage nach Respektieren wäre die richtige.Ton Matton, geboren 1964, ist ein niederländischer Künstler. Nach seinem Studium der Stadtplanung an der TU Delft gründete er 1991 zusammen mit Lucas Verweij das Büro Schie 2.0. Im Jahr 2001 verließ er die NIederlande und zog in ein kleines mecklenburgisches Dorf bei Schwerin, wo er eine leerstehende Schule zu seinem neuen Arbeits- und Lebensmittelpunkt machte. In diesem schönen Film gibt Ton Matton einen ebenso aufschlussreichen wie amüsanten Eindruck in sein ganz besonderes "Landleben".
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Peter Wippermann / 3.12.2012 / 19:08

Trendforscher, Hamburg

Ja ...

Geordneter Rückzug wäre sinnvoll.In Deutschland wird wieder mehr gebaut. Betongold gegen die Euro-Angst. Die Preise für Immobilien in den Großstädten steigen unaufhörlich, jetzt folgen schon einige Kleinstädte. Die Verunsicherung geht um in Deutschland. Viele befürchten einen Wertverlust ihrer Ersparnisse. Stimmen sind bereits laut geworden, dass es auch hierzulande eine Immobilien-Blase geben könnte, wie in Spanien.Der neue Bauboom wurde ausgelöst durch eine andauernde Finanzkrise, die ausgerechnet mit dem Platzen der Immobilienblase in den USA vor vier Jahren begann. Angst frisst Hirn.Die Deutsche Bevölkerungszahl schrumpft pro Stunde um 17 Einwohner. Auch wenn es eine spontane Einwanderungswelle aus Rumänien, Griechenland und Spanien gibt, wird Deutschland überaltern und schrumpfen. Die Wanderbewegungen laufen vom Land in die Stadt, von Ost nach West und von Norden nach Süden. Kennzeichnend für den Wandel ist die Polarisierung. Gewinner und Verlierer sind schon heute deutlich auszumachen.Wenn es durch den demografischen Wandel mehr Verkäufer als Käufer auf dem Immobilienmarkt geben wird, entscheidet das soziale Umfeld. Jugend zieht Jugend an, dann wachsen die Kommunen und die Preise steigen. Das führt zu einer eskalierenden Abwanderung aus ländlichen Gebieten. Die Alten bleiben zurück, ihre vermeintlich sichere Alterssicherung durch das eigene Haus verliert an Wert oder wird ganz unverkäuflich. Die betroffenen Gemeinden und Kreise können diese Entwicklung schon heute nicht bewältigen. Ihnen fehlen die finanziellen Mittel die notwendige Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Rückläufige Steuereinnahmen Bereitschaft heute schon den Verlust der besten Bonität im Rating der Finanzinstitute. Ein Rettungsschirm für die schwachen ländlichen Regionen in Deutschland wäre wünschenswert, um zu verhindern, dass Geisterdörfer zurückbleiben. Ein geordneter Rückbau wäre sinnvoll.Peter Wippermann, geb. 1949, ist Trendforscher. Als gelernter Schriftsetzer war er Artdirector beim Rowohlt Verlag und beim ZEITmagazin und Mitbegründer des Büros Hamburg der Gesellschaft für Kommunikationsdesign. 1992 gründete er gemeinsam mit Matthias Horx das Trendbüro Hamburg, ein Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. Seit 1993 ist er Professor für Editorial Design im Studiengang Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität Essen. Wippermann ist spezialisiert auf Kommunikationsstrategien für trendgestütze Markenführung. Der Begriff „Ich-AG“ wird ihm zugeschrieben.
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Lorenz Brugger / 3.12.2012 / 14:53

Architekt, Stuttgart

Ja ...

Diese Tatsache trifft nicht nur für den ostdeutschen Raum zu. Die Westalpen, allen voran die italienischen Westalpen, leiden seit über 150 Jahren an dem Phänomen der Abwanderung. Heute haben manche Berggemeinden der Westalpen über 90% ihrer Einwohner verloren. Es entsteht ein Teufelskreis aus dramatischer Alterung der Bevölkerung und dem daraus resultierenden Faktum, dass niemand ein ernsthaftes wirtschaftliches Interesse hat, dort wieder durch Arbeitsplätze Attraktivität zu schaffen. Und das aus dem einfachen Grund, dass Arbeitskräfte fehlen oder nicht mehr in der Lage sind, Arbeiten auszuführen.Was mit Infrastrukturen, Versorgungseinrichtungen und nicht zuletzt mit den noch verbleibenden Menschen passiert, wenn sie nicht durch Fördermittel unterstützt werden, kann man dort eindrucksvoll ablesen, sozusagen ein Blick in eine mögliche Zukunft. Neben völlig veralteten, teils nicht mehr vorhandenen Straßen, Häusern und komplett fehlenden esentiellen Einrichtungen wie Lebensmittelläden, Ärzten, Pflegediensten für die alternde Bevölkerung ect. geraten die dort lebenden Menschen immer mehr in eine soziale Isolation. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, diesem Missstand entgegen zu wirken. Anstatt jedoch Geld in einen Raum zu stecken, der offensichtlich nicht mehr überlebensfähig ist, muss man logischerweise auf den Gedanken kommen, sich aus diesem Raum zurückzuziehen. Neben finanziellen Einsparungen entstehen durch den Rückzug des Menschen aus der Fläche in verdichtete Siedlungen (das müssen nicht unbedingt Städte sein!!) wieder Naturräume, die in Europa unleugbar immer weniger werden. Im übrigen: Eine dichte Siedlungsstruktur verringert den Energieverbrauch, ist also eine nachhaltige Form des Siedelns und Lebens.Ich verweise hierbei auf zwei Arbeiten, die sich mit diesem Thema auseinander setzen: Einerseits eine Arbeit von mir, die sich mit der Abwanderung in einem kleinen Tal in den italienischen Westalpen beschäftigt: http://issuu.com/lorenz.brugger/docs/buch und andererseits das Projekt Re-Design Eisenerz, das sich mit dem Leerstand in der schrumpfenden Stadt Eisenerz in Österreich beschäftigt. Lorenz Brugger, geboren 1983, wuchs im zweisprachigen Bozen in Südtirol, Italien auf und ging nach Abschluss der Schule nach Deutschland und studierte dort an der Universität Stuttgart Architektur und Stadtplanung. Nach Auslandsaufenthalten in Oslo und Zürich schloss er erfolgreich sein Studium ab. In seiner Diplomarbeit über das Valle Maira setzte er sich mit der Entssiedelung von dörflichen Regionen in den italienischen Westalpen auseinander.
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Florian Aicher / 2.12.2012 / 21:15

Architekt, Rotis im Allgäu

Nein ...

Aufgeben, ja: unbedingt!Wer sich mit einer solchen Abstraktion einer Abstraktion aus Geometrie und – ja was: Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Zuwendungsbürokratie (wie freundlich: ländlich)? - die Welt zurechtlegt, dem sei empfohlen: Zuhausebleiben, Schluss machen. Denn Worte können nicht nur Augen, sondern auch Hirn verkleben.Wer dagegen auf’s Land fährt, weiß, welchen Ort er aufsucht, dass er sich ein Bild macht, dass er Boden unter den Füßen sucht. Er meidet – wie Goethe es uns geraten hat – die Abstraktion und schätzt das Konkrete. Das ist’s was er da draußen vorzugsweise findet. Und damit ist gleich mitgesagt, wem ebenfalls zu empfehlen ist, die Finger davon zu lassen: all jenen, denen die Welt eine Scheibe, gar virtuell ist (die Technik-Tendenzdenker mit Tablett, Trecker und Turbine samt Brüdern im Geiste mit ihrem diskursiven Herumrutschen auf Worten – derzeit gerne: Landschaft). Was sie da draußen erwartet, hat wenig damit zu tun, denn es ist leibhaftig, körperlich, anstößig, macht Mühe und Vergnügen.Wer sich eine Vorstellung davon verschaffen will, was das heißt, dem sei Landluft empfohlen. Nicht nur die frische, feuchte Herbstluft, sondern auch „LandLuft – Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen“. Diese in Wien ansässige Initiative sucht besonders engagierte Ortschaften auf, zeichnet sie mit Preisen aus, stellt die Ergebnisse aus, publiziert sehenswerte Kataloge und schafft mit wachsendem Erfolg ein Netzwerk von Inspiration und Ermutigung. Das geht. Und beantwortet die gestellte Frage mehr als zweidutzendfach, immer vor Ort. Wer sich davon einen Überblick verschaffen will, besuche die begleitende Ausstellung, vom 23. November 2012 bis zum 26. Januar 2013 im Vorarlberger Architektur Institut (vai), Dornbirn.Warum diese Österreicher, inspiriert durch das westlichste Bundesland, denen es gelingt, uns die Augen zu öffnen? Mal bei Claudio Magris nachschlagen...?Florian Aicher, geb. 1954, studierte in Stuttgart Archtiektur und machte sich 1985 als Architekt selbsständig. Er war Gastprofessor an der HBK Saar inSaarbrücken und der HfG Karlsruhe. Seit 2005 lebt und arbeitet er in Rotis im Allgäu. Er schreibt regemäßig über Architektur, u.a. in der Bauwelt.
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Daniela Ludwig / 2.12.2012 / 21:09

Juristin, München / Mitglied des Deutschen Bundestages, CSU

Nein ...

Die verdichtete Lebensform Stadt ist mit den Leitlinien nachhaltiger Entwicklung nur bedingt vereinbar. Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, dass die Landflucht zu Beginn der Industrialisierung nicht wirklich zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Menschen in den entstehenden Großstädten beigetragen hat. Bereits heute sind viele Städte in Deutschland an ihren Kapazitätsgrenzen angekommen – und dies nicht nur im Hinblick auf bezahlbaren Wohnraum und die Bereitstellung der erforderlichen Infrastruktur.Der ländliche Raum ist für die Zukunft unseres Zusammenlebens von essentieller Bedeutung. Und das nicht nur als Rückzugsort an Feiertagen, sondern als Lebensraum für den größten Teil unserer Bevölkerung. Diesen Lebensraum zu erhalten und die Tendenz der Landflucht zu stoppen, ist keinesfalls ein fragwürdiger Luxus, sondern Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung in vielen Bereichen.Eine Beschleunigung der Landflucht würde zu einer drastischen Verödung ländlicher Gebiete führen mit dem Ergebnis, dass dort die Folgen des demographischen Wandels verstärkt würden mit erheblichen Auswirkungen auf die ländliche und die städtische Infrastruktur. Denn in den neuen Großstädten müsste mit erheblichem Investitionsaufwand die Infrastruktur neu geschaffen werden, die im ländlichen Raum bereits vorhanden ist und bei fortgesetzter Landflucht letztendlich ungenutzt verfiele, obwohl sie mit geringerem Aufwand hätte erhalten werden können. Aus Sicht nachhaltiger Entwicklung kann das nicht Ziel der Politik sein.Bei der Beurteilung der Ausgangsfrage dürfen nicht nur die offensichtlichen Folgen in Betracht gezogen werden. Es geht auch um die eher versteckten Auswirkungen auf die nationale Nachhaltigkeitsstrategie: Der Bau neuer Infrastruktur ist mit deutlich höherem materiellen und finanziellen Aufwand verbunden und verursacht einen höheren Ausstoß an Treibhausgasen als der Erhalt bestehender Substanz. Hinzukommt, dass durch den Bau neuer Infrastruktur weitere Flächen versiegelt werden müssen, wodurch Lebensräume von Tieren eingeschränkt werden. Eine große Ballung von Menschen und damit zusammenhängendem Verkehr führt zu höherem Schadstoffausstoß sowie zu Stress, der sich sowohl auf die Gesundheit als auch auf das Miteinanderleben auswirken wird.Positive Auswirkungen, die sich durch kürzere Wege ergeben könnten, wenn nicht mehr so viel zwischen ländlichem Raum und größeren Städten gependelt werden muss, dürften dadurch relativiert werden, dass auch in zwangsläufig immer größer werdenden Städten die zurückzulegenden Wege weiter werden. Hinzukommt, dass im ländlichen Raum die Mobilität wesentlich flüssiger erfolgen kann als in staugefährdeten Großstädten. Somit wären die kürzeren Wege innerhalb der Stadt mitunter mit deutlich höheren Emissionsbelastungen verbunden.Der Erhalt der ländlichen Räume bedeutet aber nicht, die dort bestehende Infrastruktur ohne Änderung und Einschränkung dauerhaft zu erhalten. Auch der ländliche Raum muss demografiefest ausgestaltet und dort wo erforderlich umstrukturiert werden. Nicht jede Infrastruktur, die in den letzten Jahrzehnten gute Dienste geleistet hat, muss dies auch zwangsläufig in den nächsten Jahrzehnten tun. Jede anstehende Sanierungsmaßnahme in bestehende Infrastruktur im ländlichen Raum ist kritisch dahingehend zu überprüfen, ob sie wirklich für das Leben vor Ort zwingend benötigt wird. Eine Beschleunigung der Landflucht durch die Aufgabe des ländlichen Raumes wäre mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung nicht vereinbar.Es kann also nicht darum gehen, den ländlichen Raum gegen städtische Ballungszentren auszuspielen. Solch eine Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter. Es geht vielmehr darum, eine ausgeglichene Balance zu finden, die den Facettenreichtum zwischen Stadt und Land erhält. Wer sich ausschließlich auf die Förderung größerer Ballungsgebiete konzentriert gefährdet die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und unserer Gesellschaft. Der ländliche Raum ist nicht nur Rückzugsort melancholischer Städter an Feiertagen sondern Heimat für viele Menschen – und diese Heimat müssen wir demografiefest erhalten.Daniela Ludwig, geb. 1975, hat Rechtswissenschaften studiert und ist 1994 dem CSU Ortsverband Kolbermoor und 1997 der Jungen Union beigetreten, Mitglied im CSU-Parteivorstand, Stellvertretende Landesvorsitzende der Frauen-Union Bayern. Seit 2009 u.a. Stellvertretende Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Mitglied im Fraktionsvorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung, Ordentliches Mitglied im Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
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Prof. Xaver Egger / 9.12.2012 / 2:10

SEHW Architektur Berlin und Hochschule Bochum

Jein ...

"Burning down the house" sangen die Talking Heads im Jahr 1983. Vordergründig eine eingängige Dancefloorhymne mit Mitsingrefrain, war der Song eine präzise Bestandsaufnahme der Suburbia. Er führte den amerikanischen Markt für Einfamilienhäuser vor und nahm die derzeitige Krise quasi vorweg. Amerika, gerade als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, um sich gleich im Kalten Krieg wiederzufinden, dieses Amerika kreierte für seine Bürger ein idealisiertes Lebensumfeld, in dem die Häuser heimelig waren, die Schulen gut, die Regale in den Läden gefüllt und der Rasen immer akkurat gemäht.

Spätestens die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, daß das Lebensgefühl der Suburbia nicht mehr funktioniert in unseren doch sehr fragilen Zeiten. "Burning down the house" ist ein in der Realität verwurzeltes Narrativ, es fokussiert den bedeutenden Effekt, den die Suburbia hatte und immer noch hat auf das Lebensgefühl und zwar nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns: monotone Parzellierung unserer Landschaft, in der durch Erkerchen, Wintergärten, pastelle Farbgebung, aufgemalte Rallyestreifen, gelbe Smiley-Satellitenschüsseln, angeklebten Styroporstuck und vieles mehr aus dem Sortiment der Bau- und Heimwerkermärkte ein Stück Privatheit, ein Stück Individualität in der Masse gesucht wird. Für die einen Lebenstraum, für die anderen scheußlicher Sondermüll.

Nein, ich möchte explizit nicht durch den Verweis auf "Burning down the house" dazu anstiften, das Haus Ihres Nachbarn niederzubrennen, aber diese Debatte bei BKult, tut gut, ist schließlich die Debatte über die mögliche Aufgabe des ländlichen Raums auch eine Debatte darüber, wie die Städte aussehen sollen, in denen wir künftig leben werden.

Die steingewordene Vereinzelung der Gesellschaft in Form von Einfamilienhäusern führt zur kulturellen Verödung ganzer Landstriche, zur irreversiblen Zersiedlung unserer Landschaft und zur Entmischung unserer Gesellschaft. Angefangen hat das alles vor langer Zeit. Es ging wie so oft um sozialen Status, soziale Segregation. Man hatte es zu etwas gebracht, wenn man nicht mehr nur in der Wohnung wohnt, sondern im eigenen Haus. Und von Seiten des Staates wurde dies nicht nur legitimiert, sondern durch die Eigenheimzulage auch lange alimentiert: Man hat es sich verdient. Und das Schlimmste daran: Im europäischen Durchschnitt sind wir das Land mit der niedrigsten Eigentumsquote. Deutschland - ein Mieterland.

Doch vielleicht bietet ja sogar der neue Wohnungsmangel in Deutschland die Chance, zukunftsfähige und zukunftsweisende Projekte zu initiieren. Aktuellen und übereinstimmenden Studien mehrerer Institute zufolge müssten jährlich etwa 140.000 Mietwohnungen gebaut werden, was knapp der Hälfte des prognostizierten Bedarfs an neuem Wohnraum insgesamt entspricht. Die größten Mängel bestehen dabei in den Ballungszentren der Großstädte. Allenthalben wird von der Renaissance der Stadt gesprochen, die Menschen wollen wieder in den Innenstädten wohnen mit ihrer Attraktivität, ihren kulturellen Angeboten, Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten sowie der dichten Versorgung mit Einrichtungen des täglichen Bedarfs. Heute leben ca. 75% der deutschen Bevölkerung in den Städten und nur mehr 25% auf dem Land, Tendenz weiter steigend. Damit liegt der Verstädterungsgrad in Deutschland wesentlich über dem weltweiten Durchschnitt. Die elf Agglomerationsräume mit mehr als einer Million Einwohnern zählen allein rund 26 Millionen Menschen. Verstädterung ist somit nicht nur ein Thema in den rasant wachsenden Metropolen Asiens, Afrikas und Südamerikas, sondern auch in Deutschland. Oder anders gesagt: Wir sind schon mittendrin, den ländlichen Raum aufzugeben. Der demographische Wandel mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft und extrem gestiegene Mobilitätskosten sorgen dafür, dass der Urbanisierungsgrad wieder steigt, es sozusagen zu einer Reurbanisierung kommt. Dies wird zwangsläufig zu einer Segregation des Marktes führen und zu einem Wertverfall auf dem Land. München als Paradies der Real Estate Szene mit astronomischen Quadratmeterpreisen und hohen Renditen fordert vom bayerische Hinterland einen hohen Tribut, indem es ganze Landstriche förmlich menschenleer zurückläßt.

Was wir brauchen, ist nicht ländlicher Raum am Tropf, sondern ein gesellschaftlicher Bewußtseinswandel, was das Thema Wohnen insgesamt betrifft, das Zurück zu einem sozialen Miteinander. Wir brauchen einen an den ökonomischen Möglichkeiten orientierten Wohnungsbau, der durch Mischung von gefördertem Wohnungsbau und frei finanziertem Wohnungsbau, durch unterschiedlichen Typologien und unterschiedliches Wohnungsangebot der sozialen Entmischung entgegenwirkt - gelebte Nachbarschaft als Ersatz für die nicht mehr existente Großfamilie, die lebendige Mischung gewachsener Quartiere für soziale Nachhaltigkeit.

Bauen ist so günstig wie nie und wird durch Bodenspekulation so teuer wie nie. Hier müssen wir ansetzen und zumindest bestimmte Flächen dem Markt entziehen. Es ist ausgerechnet Stuttgart, das im Rahmen der Auseinandersetzung um Stuttgart 21 einen Teil der begehrten freiwerdenden innerstädtischen Flächen der Spekulation entzogen hat, die Kapitale der Häuslebauer. Aber eben auch eine seit neuestem grün regierte Kapitale. Die Zeiten ändern sich also doch. Und vielleicht kommen wir so doch wieder von einer Vereinzelung der Gesellschaft zu einer Vergesellschaftung des Einzelnen. Dann von mir aus auch mit Rallyestreifen!


Und der ländliche Raum? Das Thema wird sich von selbst erledigen. Die Landbevölkerung ist durch die beschriebenen Tendenzen derzeit schon deutlich älter als die der Stadt und wird es in zwanzig Jahren erst recht sein. Es wird kaum mehr möglich sein, sie zu versorgen, wenn es keine Läden und keine Ärzte mehr gibt und sie im hohen Alter nicht mit Apps für Telemedizin und Onlineshopping zurecht kommt. Und wir werden es dennoch tun. Denn wer will diesen Menschen mitteilen, daß sie zwar zeitlebens Teil dieser Gesellschaft waren, ihren Beitrag dazu geleistet haben und nun müssen sie ihre Heimat aufgeben, möglicherweise auch ihr Eigentum, das nichts mehr wert ist und nicht mehr veräusserbar. Wir werden sie nicht aufgeben, weil es neben der Ratio die moralische Ebene gibt. Und die Politik wird es nicht tun, weil sie wiedergewählt werden möchte.

Im Ergebnis also ein entschiedenes Jein.

Xaver Egger, geb.1965, hat nach einer Ausbildung zum Tischler an der Fachhochschule München Architektur sowie an der Kunstakademie Düsseldorf ein Jahr Plastisches Gestalten studiert. Seit dem Diplom 1992 ist er selbständig und hat 1996 das Architekturbüro SEHW mitgegründet. Neben seiner Tätigkeit im Büro und seiner Professur an der Hochschule Bochum ist er u. a. Referent im Weiterbildungsprogramm der Architekten- und Ingenieurkammer.

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